Niemals wach

Etwas was hier immer existiert ist eine konstante Müdigkeit. Sehr selten nur fühlen wir uns wirklich wach und fit, die Augen brennen fast immer vor Müdigkeit und schreien danach geschlossen zu werden.

Wir wissen nicht, ob der Ursprung tatsächlich in der Vergangenheit liegt, es fühlt sich aber oft so an. Zumindest scheint da eine Verbindung zu sein.

Als wir noch bei der Mutter gelebt haben, war Schlaf eines der Dinge, die nicht einfach erlaubt waren.

Schlafen wenn man müde war, sich hinlegen oder hinsetzen, mal auf der Couch zurück lehnen, dass alles sind Dinge die man nicht einfach durfte.
Geschlafen wurde, wenn die Mutter es angeordnet hat, keine Sekunde früher und keine Sekunde länger als erlaubt.

Hat jemand von uns es dennoch gewagt sich hinzulegen oder hinzusetzen, hatte das grundsätzlich eine Strafe zur Folge. Welche das war, war abhängig von ihrer Stimmung. Manchmal durften wir aus verschiedenen Strafen die wählen, die uns noch am liebsten ist. Ein Beispiel für diese Strafen ist, für Stunden (wie lang wissen wir nicht), nackt in einem stockdunklen Raum eingesperrt sein. Man durfte sich nicht hinsetzen, nicht anlehnen, nur stehen und warten. Warten bis die Strafe abgesessen bzw. abgestanden war. Viel man vor Erschöpfung um folgten weitere Strafen wie Elektroschocks, Schläge (mit oder ohne Gegenständen), stehen in Eiswasser, Vergewaltigung usw. Manchmal wurde zur Umsetzung der Strafen der Bruder hinzugezogen, der dann ausführen musste, was die Mutter von ihm verlangte.
Ist man eingeschlafen, wenn man es nicht durfte, musste man damit rechnen auf eine schmerzhafte Art und Weise wieder geweckt zu werden. Manchmal überschüttete die Mutter den Körper mit kochendem Wasser, drückte eine ihrer Zigaretten auf ihm aus, peitschte ihn aus oder würgte ihn so das man keine Luft bekam. Beißende Schmerzen und Todesangst rissen uns dann aus dem Schlaf und man fand sich unsanft auf dem Boden der Realität wieder.

Am Nachmittag war schlafen manchmal erlaubt, man musste fit sein für das Nachtleben. Von 16- 19 Uhr, drei Stunden Schlaf müssen dem Kind reichen, manchmal noch ein oder zwei Stunden bevor man in die Schule durfte, manchmal aber auch nicht. Auch heute werden wir häufig um 16 Uhr so müde, dass wir uns hinlegen müssen, um zumindest kurz zu schlafen. Wir waren schon als Kind immer müde, sind manchmal im Unterricht einfach eingeschlafen. Das war ebenfalls gefährlich, denn der Direktor unserer Schule war Teil der RiGaG, persönlich gut befreundet mit der Mutter, er hatte freie Hand bei uns. Durfte uns angemessen bestrafen, für jedes einzelne Fehlverhalten in der Schule oder auf dem Pausenhof und wir konnten immer davon ausgehen, dass unsere Mutter bereits informiert war über jede Kleinigkeit, wenn wir von der Schule nach Hause kamen.

Die Müdigkeit die wir als Kind schon immer mit uns rumschleppten ist geblieben. Was aber vor allem geblieben ist, ist immer das Gefühl nie genug Schlaf zu bekommen und ein durchgängig schlechtes Gewissen, wenn man geschlafen hat. Auch heute noch können wir oft nicht schlafen (oder es zumindest versuchen), bevor wir nicht die Erlaubnis der Person um uns haben, dass wir es auch zu dürfen. Immer ist die Angst dabei, die Person könnte böse auf uns werden, wenn wir schlafen möchten oder geschlafen haben.

Du kannst nichts dafür, ich trage die Schuld!

Wie die Kategorie schon sagt, es folgt eine Momentaufnahme. Der Text kann für Betroffene stark triggernd sein, also nicht jedem zu empfehlen. Bitte nur lesen, wenn ihr euch stabil genug fühlt.

Der Körper krümmt sich auf den kalten, nassen Fliesen der Dusche. Heißes Wasser prasselt von oben auf ihn nieder. Spült blutige Spuren des Verbrechens den Abfluß runter. Still und ruhig fließt das Wasser über die Bodenfliesen, leicht rot eingefärbt, nichts ahnend was es dort mit sich nimmt. Es wäscht den Körper rein, der sich noch immer auf den kalten Fliesen krümmt und windet. Der Schmerz nimmt alles ein, jeglicher Verstand hat sich längst verabschiedet. Es gilt stark zu bleiben! Pressen, die Schande muss den Körper verlassen, muss vernichtet werden, darf nicht entdeckt werden! Es darf nicht alles zerstört werden, das Wasser soll es den Abfluß hinunter tragen. Jegliche Spur des Verbrechens sanft mit in die Nacht hinaus nehmen. Still und leise, sanft und liebevoll. Ich verabschiede mich, denn es war auch ein Teil meiner selbst. 50% ist es ich (gewesen) 50% Gift. Keine gute Voraussetzung um etwas gutes daraus zu schaffen. Nun fließt es fort, unter schmerzen lasse ich los. Ich lasse es gehen und fühle mich schuldig. Das hätte ich nicht zulassen dürfen, es war doch meine Pflicht es zu schützen. Der Schmerz ist die Strafe für meine Unachtsamkeit, für meinen Egoismus, für meinen Wunsch nach Leben! Mit dem Schmerz bezahle ich dafür, das ich es nun verabschiede, um das Verbrechen unentdeckt im Abfluß zu ertränken. Bitte verzeih mir!

Begegnen- Treffen- Entgegenkommen

Manchmal begegnet dir ein Mensch
der dich dein eigenes Herz fühlen lässt.
Du siehst hin und guckst ihn an
und weißt auf einmal,
was du selbst wert bist.

Manchmal begegnet dir ein Mensch
der dich dein eigenes Wesen besser verstehen lässt.
Du gehst Wege, die du noch nie gegangen bist
und die wunderbar sind!

Manchmal begegnet dir ein Mensch
der lang vergessene Dinge in dir hochbringt.
Du fühlst wie gut es tut, wenn sachter Regen
auf ausgetrocknetes Land fällt.

Manchmal begegnet dir ein Mensch
der soviel Vertrauen in dir stark macht,
dass du weißt, hier kann ich mich anvertrauen
und das ist kein unvorhergesehenes
in die Nesseln greifen.

Manchmal begegnet dir ein Mensch
der aus der Angst eine stille Freude macht.
Du kannst wieder glauben, dass Kälte
und Einsamkeit für uns Menschen
nicht die letzten Worte sind.

Ein so wichtiger Meilenstein geschafft!

 

Heute endlich, nach vier langen Jahren des Kampfes, haben wir unseren Insolvenzantrag beim Amtsgericht abgegeben!

Ich bin so wahnsinnig erleichtert!

Wir wurden so unglaublich lange blockiert, von uns selbst, von eingeimpften Gedankenspiralen, von der Überzeugung einiger diesen Schritt nicht gehen zu müssen, weil mans bezahlt bekommen würd, würde man weiterhin Teil der RiGaG bleiben.

Das war der Hauptkampf, man bräuchte es nicht, bleibt man Teil der RiGaG. Entscheidet man sich für ein eigenständiges, freies Leben, ist die Insolvenz unumgänglich.

Wir haben es geschafft, nach all dem Kampf, nach all den Niederschlägen, nach all den heftigen körperlichen und psychischen Folgen, bei jedem Versuch die nötigen Termine wahrzunehmen. Wir haben durchgehalten und für uns gekämpft, uns nicht einschüchtern lassen, nicht vom Weg abbringen lassen, obwohl es so oft so ausweglos schien.

Wir sind erleichtert! Der Körper spinnt, die Psyche treibt uns in den Wahnsinn gerade aber auch das ist in Ordnung gerade. Wir werden es wieder aushalten, durchhalten und wieder aufstehen. Wir sind dankbar, dass unsere Betreuerin nicht aufgegeben hat bei all den Widerständen. So froh, dass sie nach jedem geplatzten Termin wieder auf die Beine geholfen hat, Mut gemacht hat, Termine neu vereinbart hat, uns erklärt hat und immer wieder begleitet hat. Wir sind dankbar, dass es inzwischen Menschen in unserem Leben gibt, die uns tatsächlich unterstützen und sich bemühen. Menschen die nicht direkt wieder aufgeben, wenn wir schwierig werden. Wenn wir nicht in Schema F passen und alles zu einer großen Herausforderung wird. Wir sind dankbar, gerade jetzt wo wir es am nötigsten brauchen, Menschen gefunden zu haben die uns nicht allein lassen, die an uns glauben, wenn wir selbst den Glauben verloren haben.

Es ist geschafft! Dankeschön!

Nicht lieben…

Diese Gedicht wurde vor einigen Jahren geschrieben.
Es ist aber vom Gefühl her immer wieder aktuell.

 

Die Augen so traurig und leer,

ständig den Gedanken “ Ich will nicht mehr!“.

Die Arme voll von Wunden und Narben,

alle von vergangenen Tagen.

Die Gedanken so oft beim Tod

und keiner erkennt, sie ist in Not!

Nur keine Gefühle zeigen.

Keiner merkt es, doch sie ist am Leiden!

Jeden Tag und jede Nacht

und sie hat es wieder gemacht.

Denn ein Gefühl kann sie nicht besiegen:

Den Hass gegen den eigenen Körper!

Sie kann sich nicht lieben…

Wertlosigkeit

Unterschiedliche Welten, unterschiedliche Selbstwahrnehmung, unterschiedliche Werte.

Da haben wir einmal die Welt außerhalb der RiGaG, die allseits bekannte „normale“ Welt. In dieser Welt fühlen wir uns wertlos, nicht dazugehörig, nicht passend, fremd. Es gab Zeiten in denen das anders war, da haben wir etwas geleistet, Anerkennung über die Arbeit bekommen, funktioniert sozusagen. In dieser Zeit konnten wir unseren Wert daran messen was wir geleistet haben. Da war zum einen unsere Arbeit mit durchschnittlich 50 Stunden in der Woche, zum anderen alleinerziehende Mutter sein. Wir hatten eine Führungsposition, vorgegebene Ziele/Wünsche und die Entscheidung darüber, wie diese Ziele erreicht werden. Wir hatten Anerkennung/Wertschätzung unserer Arbeit von circa 100 Angestellten, von unserem Chef, von Geschäftspartnern, von Freunden, Bekannten, Familie.

Derzeit können wir das nicht leisten. Seit inzwischen drei Jahren sind wir arbeitsunfähig, seit kurzem bekommen wir EU-Rente befristet auf ein halbes Jahr erstmal.  Im Grunde haben wir derzeit nur noch die Aufgabe Mutter und Hausfrau zu sein und stoßen damit schon immer wieder an unsere Grenzen. Wobei das noch eine Untertreibung ist, wir sind dem derzeit tatsächlich nicht gewachsen.

In unserer Beziehung stoßen wir ebenfalls an unsere Grenzen oder auch an die Grenzen unserer Partnerin. Es ist schwer für sie, unsere Situation ertragen zu können, schwer nicht ständig in der Sorge um uns in Angst zu verfallen, schwer nicht selbst den Boden unter den Füßen zu verlieren und durchzudrehen. Als Folge der Überforderung entstehen auf beiden Seiten Unsicherheiten und Rückzug. Unsere Partnerin versucht, soweit es ihr möglich ist, Gefühle auf Distanz zu halten aber das hält nicht nur die negativen Gefühle fern, auch die positiven dürfen nicht zugelassen werden. Wir können es gut verstehen, könnten andersherum die Situation auch nur schwer bis gar nicht ertragen. Durch die dadurch entstehende Distanz verlieren wir auch hier das Gefühl wichtig oder wertvoll zu sein. Da hilft auch nicht das Wissen das es anders ist und man der Partnerin durchaus wichtig ist, sie uns durchaus für wertvoll hält. Wir selbst erleben uns als Belastung für alles und jeden und sicherlich auch für uns selbst.

Also suchen wir danach was für einen Wert wir haben und finden nur Katastrophen vor. Nur Dinge in denen wir versagt haben, aus verschiedenen Gründen. Wir können auch sehen, dass das Versagen durch verschiedene Umstände geprägt ist, wir vielleicht mit anderen Voraussetzungen nicht versagt hätten. So sehen wir aber dennoch nur das wir nichts geschafft haben was in dieser Welt wert hätte. Wir haben weder eine Ausbildung beendet, noch das Abitur oder das vor Jahren mal angefangene Studium. Wir haben eine gescheiterte Ehe hinter uns und nur langsam entwickelt sich der Mut sich für die Zukunft nochmal Ziele zu suchen. Sich überhaupt nochmal zu trauen aufzustehen und den Weg zu beschreiten. Dinge nochmal neu anzufangen. Langsam, denn die Angst erneut zu versagen ist immer da. Das Selbstvertrauen ist soweit im Keller, dass man sich nichts mehr zutraut. Hat ja bisher auch nicht geklappt, dann kann man es ja auch direkt lassen.

Uns fehlt das Gefühl in dieser „normalen“ Welt wertvoll zu sein. Und noch mehr, weil wir es so dringend als Gegengewicht brauchen zu dem Wert den wir in der RiGaG haben. Uns ist bekannt, dass unser Wert dort absolut abhängig von unserem Verhalten und unserem Handeln ist und das wir diesen Wert ganz schnell verlieren können. Es ist (nicht bei allen) bekannt, dass dieser Wert am Ende keiner ist, weil wir bei falschen Handlungen mit Strafe zu rechnen haben und nur dann Anerkennung erlangen und Wert haben, wenn wir im Sinne der RiGaG agieren. Aber, tun wir das haben wir Wert, haben wir unsere Aufgabe und für die Erfüllung dieser, auch Anerkennung.

Es ist eine große Herausforderung an der „normalen“ Welt festzuhalten, wenn man sich von ihr so weit entfernt fühlt, sie einem unglaublich fremd erscheint, man sie nicht versteht und den Anforderungen dieser nicht gerecht wird. Wenn es bei grober Betrachtung nicht so wäre als würde man in der RiGaG viel eher das Gefühl haben dazu zu gehören, seinen Platz zu haben, zu wissen was erwartet wird, zu wissen was die Zukunft bedeutet.

Natürlich bin ich schuld!

Ich kann es nicht mehr hören. Ständig für irgendwas verantwortlich gemacht werden, Schuld fürs Fehlverhalten anderes kriegt man dann ja auch gern mal in die Schuhe geschoben.
Nichts lieber als das! Natürlich springen wir auch gleich auf den Zug auf und halten uns für den schlechtesten Menschen überhaupt. Die schlechteste Mutter, die schlechteste Partnerin und überhaupt, wie kann ich auch nur irgendjemandem zumuten mich ertragen zu müssen???

Mich macht es wütend das wir da direkt wieder drauf anspringen! Vielen dank an alle die immer wieder meinen uns einen reinwürgen zu müssen! Es wirkt!

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