Ein Tag im Jahr 1997

Wir schreiben hier von einem Tag, viele Jahre zurück. Ein Tag von vielen aus unserem Leben. Der Text kann für Betroffene stark triggern also bitten wir jeden einzelnen Leser, genau zu überprüfen, ob er/sie sich stabil genug fühlt, um sich mit unseren Erinnerungen zu konfrontieren.

 

 

Es ist Sommer im Jahr 1997, kurz nach den Sommerferien, wenige Wochen nach einem Umzug und einem Schulwechsel, der uns sehr gelegen kam. An der vorherigen Schule wurden wir stark gemobbt, dass nennt man heut so, damals hielten wir den Umgang mit uns für normal. Schließlich hatten unsere Mitschüler nur erkannt, dass wir absolut unausstehlich waren und nicht zu ihnen passten. Wir waren anders und boten genug Stoff, um uns nicht nur als Aussenseiter zu fühlen, sondern zu einem gemacht zu werden. Für den Umzug waren wir diesmal dankbar, auch wenn wir nicht verstanden haben warum das damals so sein musste, dass wurde aber auch nicht weiter erklärt, vermutlich von uns aber auch nicht erfragt.

An diesem Nachmittag kamen wir von der Schule Heim, wie immer angespannt und ängstlich bezüglich dessen, was uns heut dort erwarten würde. Das war nichts besonderes, eher die Normalität, irgendetwas hatten wir grundsätzlich irgendwo falsch gemacht, man wusste nur nie was es diesmal war.

Wir kamen also Heim und wurden von der Mutter direkt mit eiskalten, Furcht einflößenden Augen empfangen. Sie stand oben an der Treppe und zitierte uns direkt und ohne Umwege in ihr Zimmer. Als wir das Zimmer betraten, fiel uns direkt unser Tagebuch auf, welches bei ihr auf dem Tisch lag. Die Zeit schien still zu stehen und innerlich rasselte man sämtliche Einträge hinunter und überlegte, was dort alles verfängliches und gefährliches stehen könnte und überlegte welche Strafen einem blühen würden.

Bevor die Antwort gefunden werden konnte setzte es schon die erste schallende Ohrfeige und das Tagebuch flog uns entgegen. Unsere gute Reaktion hat dafür gesorgt, dass es haarscharf am Kopf vorbei flog und auf den Boden knallte, von dem wir es im Eiltempo aufhoben, um es der Mutter zurück zu geben.

Sie fing an loszubrüllen: “ Was soll das heißen, was du dort geschrieben hast? Sag schon, was soll das? Was schreibst du dort? Wo hast du das Tagebuch überhaupt her, du hast doch gar kein Geld?! Also, woher hast du es und seit wann?“

Ich hatte keine Antwort darauf die sie befriedigt hätte, keine die sie hätte hören wollen. Das Tagebuch war geklaut und das wäre die richtige Antwort gewesen, hätte ich sie gekannt. Ich wusste nicht woher es war, ich wusste nicht seit wann ich es hatte und vor allem, ich wusste nicht was dort stand. Ich stand nur da, hab keinen Ton sagen können. Ich wusste das es meins war, es war seit einigen Wochen in meinem Zimmer, musste also meins sein. Darin geschrieben habe ich nie, es muss wieder einer dieser Geister gewesen sein, von denen meine Mutter sagt das ich sie in mir aufgenommen habe. Während ich überlegte, was ich ihr antworten sollte, schepperte es das zweite mal und die nächste Ohrfeige riss mich zurück in die Realität.

Wieder brüllte sie: “ Ich hab dir eine Frage gestellt! Antworte gefälligst und tu nicht so, als wüsstest du nicht wovon ich rede! WAS hast du da geschrieben???“

„Ich weiß es nicht genau Mama, wirklich nicht. Das war bestimmt wieder einer von den Geistern. Es tut mir leid das ich nicht besser aufgepasst habe, bitte verzeih mir Mama, bitte?“

Und wieder brüllt sie, diesmal während sie mir gleichzeitig eine scheuert und mir das Tagebuch mit der aufgeschlagenen Seite anschließend ins Gesicht drückte: “ Hör gefälligst auch rumzujammern und sag mir wer das geschrieben hat! V. (direkte Ansprache an eine unserer Innenpersonen), wer hat das geschrieben und warum weiß ich nichts davon? Es ist deine Aufgabe aufzupassen das diese Lügen der Geister niemals niedergeschrieben werden. V. ich erwarte sofort eine Antwort, sofort! Willst du etwa das dich alle für verrückt halten? Willst du das wirklich? Du weißt doch was mit Verrückten passiert oder etwa nicht?“

Und ob V. das wusste. Verrückte werden eingesperrt, angekettet, gefoltert!

Dann stand F. (eine weitere Innenperson) plötzlich draußen vor der Mutter. Sie war es, die die Zeilen im Tagebuch geschrieben hatte. Sie hatte es gewagt dort anzudeuten das Friedrich sie „angefasst“ hat zwei Jahre zuvor, dass sie ihn hat Küssen und streicheln müssen, dass sie sich geekelt hat, dass er nicht aufgehört hat, dass sie dachte sie würde sterben.

Sie stand vor der Mutter und stammelte, dass es keine Lüge wäre was sie dort geschrieben hat, dass Friedrich das wirklich getan hat, sie hat ihr unter Tränen gebeichtet was passiert ist. Sie liebt die Mutter und hatte es ihr nicht gesagt, sie hat sie nicht belasten wollen, es ging ihr doch schon nicht gut, sie hat es vergessen wollen, konnte es aber nicht.

Und wieder brüllte die Mutter: “ fängst du damit schon wieder an? Das hast du vor Jahren schon mal erzählt und du weißt das es nicht stimmt. F. du weißt das es Lügen sind, dass es Geschichten der Geister in dir sind, oder?!“

F. wusste das nicht, sie wusste, dass sie es erlebt hat und versicherte der Mutter erneut, dass es die Wahrheit war die sie dort geschrieben hat, dass sie es wirklich erlebt hat, verstummte aber und sank in sich zusammen, als die Mutter sich vor ihr aufbaute und sie strafend ansah. Sie liebt ihre Mutter, sie wollte sie nicht enttäuschen, sie spürte das es Zeit war sich zu entschuldigen und zu schweigen und tat genau das.

Gleichzeitig kam jemand die Treppe rauf, es war Friedrich, der direkt ins Zimmer der Mutter kam und F. mitnahm auf einen Ausflug…

Am selben Tag, einige Stunden später…

wir sind wieder Zuhause, sitzen am Esstisch und arbeiten unsere Hausaufgaben ab. Es ist Nacht geworden und an die Stunden zuvor erinnert sich keiner. Die Mutter betritt das Zimmer, fordert uns auf die Hausaufgaben wegzupacken und am nächsten Morgen früh genug aufzustehen, um sie noch fertig machen zu können.

Beim rausgehen klopft sie uns auf den Oberschenkel und sagt: “ Komm M. (Innenperson), wir haben noch viel zu tun bevor wir heut schlafen können.“

M. weiß was nun kommt. Es ist ihr allabendliches Trainingsprogramm indem sie lernt, sexuell zu befriedigen und Schmerzen auszuhalten. Vor allem aber zu schweigen über das, was sie allabendlich erlebt…

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4 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. diepaulines
    Jan 04, 2013 @ 13:58:35

    ich möchte nur hierlassen, dass ich den text gelesen habe und es schrecklich finde, was euch angetan wurde und dass dieser tag 1997 nur einer von vielen mit so viel gewalt und erniedrigung und angst und schmerz war… ich wünsche euch, dass ihr davon stückchen für stückchen „heilen“ könnt..

    Antwort

    • Mosaiksteinchen
      Jan 04, 2013 @ 21:22:40

      Ob es ein heilen gibt, wagen wir zu bezweifeln, uns scheint oft der einzige Weg zu sein zu verdrängen oder etwas in der Richtung wie hinnehmen, vielleicht. Vielleicht haben wir auch einfach noch nicht gelernt zu verarbeiten und anzunehmen, bezweifeln deshalb das es geht. Es ist das erste mal, dass wir etwas aus unserem Leben früher genauer preisgeben, nicht nur mit Überbegriffen kurz angesprochen, sondern einen kleinen Einblick gewährt wie es wirklich war. Komisches Gefühl…
      Danke für euren Kommentar:-)

      Antwort

  2. Corinna
    Jan 08, 2013 @ 18:31:53

    Ich hoffe, Du hast inzwischen eine Person im Leben gefunden, der Du vertrauen kannst, die Dir zuhört und Deinen Schmerz mit Dir teilen kann.

    Das Verhalten Deiner Mutter und ihres Lebensgefährten ist erbärmlich und ganz bestimmt nicht zu verzeihen! Ich wünsche Dir, dass Du die Kraft findest, diesen Abschnitt Deines Lebens irgendwann hinzunehmen, vergangen sein zu lassen und Dir etwas Schöneres aufzubauen!

    Antwort

    • Mosaiksteinchen
      Jan 08, 2013 @ 23:05:32

      Friedrich ist nicht der Lebensgefährte der Mutter, das müssen wir richtig stellen und um das noch zu ergänzen, es ist auch nicht sein richtiger Name.
      Zu verzeihen ist der Verhalten der Mutter sicher nicht, wahrscheinlich werden wir das auch nie. Nachvollziehen können wir es dennoch in weiten Teilen, sie hat bis heute nicht die Stärke, sich mit ihrem Leben auseinander zu setzten. Solange sie das nicht kann, ob sie das jemals wird wage ich zu bezweifeln, ist es ihr unmöglich aus dem System auszusteigen und etwas zu verändern.

      Inzwischen haben wir Personen in unserem Umfeld, denen wir weitestgehend vertrauen und die uns das Leben lebenswerter machen. Etwas wofür wir sehr dankbar sind 🙂

      Antwort

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