Systemverantwortung und was wir darunter verstehen

Es ist noch gar nicht so viele Jahre her, da haben wir in unterschiedlichsten Diskussionen gerne mal die Sätze, “ Ich war das nicht, ich kann doch nichts dafür! und “ Ich kann doch nichts dafür, dass wir so sind! oder auch “ Das war XY, klär das mit dem! Ich hätte das nie gesagt/gemacht!“ geäußert.

Denn so fühlt es sich häufig an. Irgendwer aus dem System hat die Kontrolle über den Körper und tut damit Dinge, die er/sie/es für richtig hält. Okay, richtig vielleicht nicht immer, vielleicht handelt man auch nur nach altbekanntem Muster, ist einfach so, what ever.

Hinterher steckt jemand anders im Körper und muss den „Mist“ erstmal wieder ausbaden. Das kann sich verdammt ungerecht anfühlen und nicht selten ist es so, dass wir sauer aufeinander sind, weil irgendwer irgendwem gegenüber irgendetwas gesagt oder gemacht hat, was jemand anders so überhaupt nicht gewollt oder gemacht hätte.

Häufig haben wir von nicht-Betroffenen Aussagen gehört wie: “ Cool, dann könnt ihr immer den nach vorn packen der damit grad gut zurecht kommt!“ oder “ Wenn du kein Bock hast den Haushalt zu machen, ihr habt doch bestimmt wen ders gern macht, dann lasst den das doch machen!“ oder, auch sehr schön: “ Boah, das hät ich auch gern, dann könnt ich den ganzen Kram den ich nicht machen will andere machen lassen.“

Wäre an dem tatsächlich so, wäre DIS so mit die genialste Erfindung der Psyche die es geben kann, vorausgesetzt man blendet sämtliche Nebenwirkungen und Symptome und vor allem Gründe für die DIS aus. Und wenn an dem tatsächlich etwas dran wäre, oh, ich würde soooo vielen Menschen wie ich könnte helfen, eine DIS zu entwickeln. Ticket bestellen, hinten anstellen bitte 😉

Nee, jetzt aber mal bitte im Ernst! Es ist nicht sonderlich erstrebenswert, ich spreche aus Erfahrung, denn DIS bedeutet einen ganzen Rattenschwanz an negativen Dingen und bisher hatte jedes System, das wir kennenlernten (und das uns glaubhaft erschien), wenig bis keine Vorteile durch diese Traumafolgestörung, eher das Gegenteil war der Fall.

Nun zurück zum eigentlichen Thema *räusper*

Inzwischen kommen solche Sätze nicht mehr über unsere Lippen, denn unsere Sicht der Dinge hat sich mit der Zeit doch sehr gewandelt. Sicher auch, weil wir für uns feststellen mussten, dass es keinen Sinn macht, vor der Verantwortung fürs System davon zu laufen.

Wir sind getrennt voneinander. Manche nicht immer ganz so stark voneinander wie andere. Teilweise aber so getrennt, dass wir unterschiedliche Leben führen können, ohne das der eine vom Leben des anderen etwas mitbekommt. Es sei denn, man findet Hinweise, bekommt Rückmeldungen oder sonstiges. Dennoch haben wir alle im System, egal wie weit wir voneinander getrennt sind und egal wie verschieden wir uns fühlen und denken, einen gemeinsamen Punkt, unseren Körper. Der Gegenstand der uns in diesem Leben Platz gibt, der uns, das Leben in sich trägt. Ohne diesen einen, zu allen aus dem System gehörenden, Körper, könnten wir kein Leben führen. Weder meins, noch das eines anderen Anteils aus diesem System. Und da wir (zum Glück) in einer Welt leben in der Multipel sein nicht unbedingt zur Normalität gehört, fällt alles was mit diesem Körper getan oder gesagt wird, auf alle Anteile dieses Systems zurück.

Unserer Meinung nach beginnt es bei Kleinigkeiten, denn wenn ich für diese nicht die Verantwortung übernehmen kann, kann ich es bei größeren wohl erst recht nicht. Und wenn ich nicht bereit bin, wenn wir nicht bereit sind, die Verantwortung für uns als System zu übernehmen, dann müssen wir so fair sein und uns einweisen lassen bis wir es können/wollen.

Für mich bedeutet das z.B. das ich mich entschuldige, wenn ich erfahre oder mitbekomme, dass sich jemand aus dem System einer Außenperson gegenüber nicht adäquat verhalten hat und das wir, als System, uns darum bemühen, dass das in der Zukunft so nicht wieder passiert. Das bedeutet nicht, dass wir jeden „Störenfried“ oder wie auch immer man das bezeichnen möchte, sofort ausfindig machen, sein Verhalten komplett gerade biegen und in Zukunft alles super ist, wäre schön, wenn es so einfach wäre. In vielen Fällen bedeutet das verdammt harte Arbeit. Denn, die Person wird ihren Grund gehabt haben, sich so zu verhalten. Worin auch immer dieser Grund zu finden ist, er war da, muss erkannt und evtl. bearbeitet werden, neu betrachtet werden, geübt werde, etc. Zuerst aber muss man die jeweilige Person ausfindig machen, ach ja und vor allem erstmal von dem „Fehl-“ verhalten erfahren 😉

ABER:

sobald wir (das System) von einem Verhalten eines Anteils von uns erfahren, dass da etwas schief läuft, liegt es in unserer Verantwortung, dafür zu sorgen das es sich verändert! Das heißt auch nicht, dass das immer allein funktionieren muss, bei dem ein oder anderen Problem ist sicher Hilfe von Außen  erforderlich und gut aber es liegt in unserer (System-) verantwortung, für Veränderung zu sorgen.

Beleidigt ein Anteil aus unserem System eine/n Freund/in, dann müssen wir zusehen, dass es nicht wieder passiert oder anders geklärt werden kann.

Verletzt ein Anteil aus unserem System einen anderen Menschen, dann liegt es an uns als System, dafür zu sorgen, dass dieser Anteil das nicht wieder tut und die Konsequenzen dafür getragen werden.

Bedroht jemand aus meinem System einen anderen Menschen, tragen wir auch dafür die Verantwortung.

Klaut jemand aus unserem System jemandem etwas, liegt es an uns, dafür zu sorgen, dass es zurückgegeben wird, dass man sich entschuldigt und eventuelle Konsequenzen dafür trägt.

DAS verstehen wir unter Systemverantwortung! Es ist keine Systemverantwortung, wenn ich hinnehme, dass jemand anders von uns Gesetze bricht, Menschen beleidigt oder bedroht, jemanden angreift (egal ob verbal oder körperlich). Es ist keine Systemverantwortung, wenn ich der Meinung bin, weil ich Multipel bin und Viele in einem Körper, habe ich das Recht mich daneben zu benehmen, denn “ ich“ war das doch nicht!

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3 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. pandorasshowcase
    Jan 06, 2013 @ 12:13:25

    Ein überaus gelungener Beitrag.
    Es scheint verlockend eine Verantwortung für sich selbst von sich zu weisen, wenn es eben nicht so einfach ist sich dieser Verantwortung zu stellen. Wie ihr ja geschrieben habt, ist es schwerer sein Verhalten zu modulieren, wenn man noch nicht die Kontrolle darüber hat.
    Es ist schon fast bezeichnend, dass Fälle von multipler Persönlichkeiten in der Populärliteratur oder als Berichte in den Medien häufig genau das Problem der Verantwortung thematisieren. Wie oft hab ich in diesem Zusammenhang schon davon gelesen, dass ein Mensch eine Straftat begangen hat und dann behauptet, es wäre eine andere Persönlichkeit in ihm gewesen (oder es war tatsächlich der Fall) und er könne nichts dafür. Nur wird dann gern vergessen, dass ein nicht erinnern können nicht gleichbedeutend ist mit Unschuld.
    Die Entschuldigung: „Sorry, das kann ich nicht beeinflussen, was ein anderer in mir getan hat/tut, ich hab damit nichts zu tun, ICH bin ja unschuldig und es wäre unfair, wenn es Konsequenzen gäbe.“ ist für mich keine. Wenn ich denn tatsächlich keinerlei Kontrolle darüber habe, dann muss ich es lernen, egal wie schwer das ist. Wie kann ich sonst sichergehen, dass nicht weiter unangebrachtes Verhalten (es sind ja in den seltensten Fällen wirklich schwere Straftaten) an den Tag gelegt wird.

    Antwort

  2. Orakel
    Jan 06, 2013 @ 13:39:51

    Dem kann ich mich nur anschließen.
    Das abschieben der persönlichen Verantwortung ist allerdings nicht typisch DIS, sondern allgemein typisch Mensch. Wie oft hörte man die Ausrede „Ich habe nur Anweisungen befolgt“ oder „Die anderen machen das auch“. Das gleiche Prinzip auf anderen Spielplätzen.
    Bei Erkrankungen oder Störungen ist die Ausrede deshalb so beliebt, weil es _DIE_ Rechtfertigung ist, an seinem Zustand nichts verändern zu müssen. Dabei setzen die Menschen „Schuld“ mit „Verantwortung“ gleich, beides sind aber unterschiedliche Dinge. Ich bin nicht schuld an meiner DIS, Depression, Schizophrenie, Behinderung oder was auch immer, aber ich bin Verantwortlich dafür wie ich damit umgehe. Meine Umwelt kann genau so wenig für meinen Zustand, warum also sollten meine Mitmenschen ausbaden müssen, was ich nicht verändern will oder kann?
    In erster Linie ist jeder ist für sich selbst verantwortlich und das unabhängig von den Ausgangsgegebenheiten. Das ist für Betroffene sicher nicht fair, aber genau so wenig ist es fair seinen Mitmenschen die eigene Verantwortung auf zu bürden. Das mag zwar hart klingen, doch nur durch das Übernehmen der eigenen Verantwortung erwerbe ich mir das Recht selbst über mein Leben zu entscheiden. Ich darf zwar in einer sozial funktionalen Gemeinschaft erwarten das die Starken die Schwachen unterstützen, leider werden Betroffene zu oft allein gelassen in ihrem Bestreben etwas zu ändern. Und wer kein gut funktionierendes soziales Netz hat das ihn auffängt, kann deshalb sehr schnell verzweifeln, weil er keinerlei Unterstützung bei der Arbeit an sich und seinen Problemen findet.
    Es gibt aber fast immer Hilfe, auch wenn man manchmal sehr lange suchen muss. Und zumindest _DAS_ ist immer in der eigenen Verantwortung.

    Antwort

  3. regenbogentaenzerin
    Jan 08, 2013 @ 11:00:33

    Auch ich kann mich nur voll und ganz anschließen.

    Antwort

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