Sei stark du Schwächling!

In der Vergangenheit haben wir gelernt, dass es Stärke bedeutet, Schmerzen auszuhalten. Wir lernten das es schwach ist schmerzen zu haben, zu zeigen, auszusprechen.

Das gelernte wirkt. Allein das schreiben dieses Artikels sorgt für starke Unruhen, bedeutet schwäche, versagen. Dennoch möchten wir darüber schreiben.

Wir haben häufig oder auch eigentlich immer schmerzen unterschiedlichster Art. Nicht jeder von uns nimmt sie auf die selbe Art war, manche können sie kaum aushalten, manche spüren sie kaum, andere gar nicht. Manchmal sind sie so stark, dass es viele von uns gar nicht im Körper aushalten, nicht vorne sein können, das ist glücklicherweise nicht zu häufig.

Wir sind geschult worden darin stark zu sein, schmerzen zu haben, auszuhalten, nicht wahrzunehmen. Bis zum Schluss stehen zu bleiben, im Wettbewerb mit anderen Kindern, unter Schlägen, Folter und Erniedrigungen. Nur wer als letztes noch stand war stark, bekam Anerkennung, Lob, war etwas wert!

Noch heute empfinden wir eine Art stolz, wenn wir eine Zeit von schlimmen Schmerzen ohne Medis überstanden haben. Noch heute fühlen wir uns wie der letzte Dreck, wenn irgendwer es dann doch nicht mehr aushält und durch Tabletten oder sonstiges Abhilfe schafft. Noch heute fühlen wir uns stark, wenn wir uns mit Schmerzen quälen. Noch heute fühlen wir uns schwach, wenn wir versagt haben.

Schon oft haben wir gehört, es müsste so nicht sein, wir dürften Abhilfe schaffen, dürften es äußern. Doch es fühlt sich so falsch an und jedes mal, wenn wir es dann doch mal versuchen, nimmt die Katastrophe innen ihren Lauf. Nicht hilfreich, wenn wir uns gegenseitig an all die Verbote erinnern, an all die eingebrannten Sätze, an all die Strafen- die die Schwachen erhalten, an all die Ängste und wenn das dann noch nicht reicht, dann sorgt bestimmt eine der Innenpersonen dafür, dass die Schmerzen ins unermessliche steigen.

Schlussfolgerung:

Wir halten aus und klopfen uns morgen früh wieder auf die Schulter, weil wir ja ach so stark sind. Dafür verzichten wir dann auf den Schlaf, der mit viel Glück vielleicht zu ein wenig Entspannung führen könnte, zu ein wenig dringend benötigter Erholung. Macht ja nichts, Hauptsache wir bleiben stark!

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3 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Orakel
    Jan 09, 2013 @ 08:28:09

    Stärke ist ein relativer Begriff und kein absoluter.

    Wenn ihr in den Schulungen als Letzte gestanden habt und dafür gelobt wurdet, dann dürft ihr mit Recht darauf stolz sein. Was die Hintergründe der Schulung und ihre Intention seitens der Initiatoren angeht, werden die Meinungen dafür wieder sehr auseinander gehen. Das hat aber nichts mit eurer Leistung zu tun.
    Stärke ist weit mehr als nur das Aushalten von Schmerzen. Stärke erfordert Willenskraft und sie erfordert auch die Weisheit zu erkennen wann man welche Form der Stärke zeigen muss. Manchmal ist Stärke die Selbstbeherrschung nichts zu tun. Ein andermal bedeutet Stärke sich gegen alle Widerstände zu stellen.
    Es würde mich nicht wundern, wenn euch euer Training auch so manches mal außerhalb der RiGaG, im Alltag den Arsch gerettet hat. Paradoxerweise hättet ihr womöglich ohne das Training nicht die Kraft für den Ausstieg gehabt.
    Ihr seid noch am Leben und jeder von euch der dazu beigetragen hat, egal auf welche Art, hat das Recht darauf stolz zu sein, dafür habt ihr Respekt verdient.

    Schmerzen die durch Krankheit ausgelöst werden sind etwas ganz anderes. Sie sind dysfunktional und beeinträchtigen euch. Auf Dauer schwächen sie euch sogar. Der Mensch hat ein Schmerzgedächtnis und daraus können chronische Schmerzen entstehen. Diese auszuhalten und nicht zu bekämpfen ist nicht sinnvoll. Damit beeinträchtigt ihr eure Fähigkeit im richtigen Moment Schmerzen zu ertragen beträchtlich.
    Es erfordert natürlich Stärke und Selbstdisziplin um auch sinnlose Schmerzen zu ertragen, es ist aber gleichzeitig eine intellektuelle Schwäche nicht zu differenzieren. Damit macht ihr sonst den selben Fehler wie Menschen die sagen, alles was mit der RiGaG zu tun hat ist schlecht, einfach nur weil es RiGaG ist.

    Es ist Stärke sich unter Schmerzen selbst zu überwinden um Höchstleistungen zu erbringen, das kann dir jeder Sportler bestätigen. Es ist kontraproduktiv nicht zu wissen wann man es übertreibt. Kann dir ebenfalls jeder Sportler bestätigen.
    Seine Grenzen zu kennen und richtig einzuschätzen ist ebenfalls eine Stärke.

    Antwort

  2. pandorasshowcase
    Jan 09, 2013 @ 18:05:01

    Ich glaube auch, dass es so schwer ist diese mittlerweile etwas überholte Denkweise abzulegen, weil sie zu den frühesten Werten gehört, die man kennengelernt hat. Ein Freund von mir ist überzeugter Atheist, allerdings in einem sehr konservativen, christlichen Elternhaus aufgewachsen. Er lebt dennoch nach Regeln, die auf einer Ideologie basieren, an die er weder glaubt, noch sie sinnvoll findet. Er empfindet dennoch sehr oft Schuld oder ein schlechtes Gewissen, wenn nach neuen Regeln handelt, die er als sinnvoll ansieht, die aber eventuell entgegen früher gelernter Normen gehen.

    Antwort

  3. Orakel
    Jan 09, 2013 @ 18:42:52

    Die klassische Schwachstelle von Dogmen, sie sind in Stein gemeißelt und unflexibel. Wie alle Dogmen die starr sind, zerbrechen sie unter der Belastung veränderter Gegebenheiten.
    Es ist wichtig sich selbst und seine Überzeugungen gelegentlich zu hinterfragen. Einfach nur unkritisch zu glauben was man einst gelernt hat, führt früher oder später zu inneren und äußeren Konflikten. Eine Regel die auf so ziemlich jedes Überzeugungs- und Glaubensmodell zutrifft. Die Welt ändert sich stetig, der Mensch und sein Leben ändern sich stetig. Wer dem nicht Rechnung trägt, ist zum scheitern verurteilt.
    Die Selbstprüfung muss nicht zwangsläufig eine grundlegende Änderung zur Folge haben. Oft kann das Ergebnis eine Bestätigung der eigenen Werte zur Folge haben. In jedem Glaubensmodell gibt es sinnvolle Regeln. Ein gänzlich sinnloses Regelwerk kann sich nicht halten.
    Ich denke das für eure Überzeugungen ganz Ähnliches gilt. Ihr seid dadurch stark geworden und habt erfolgreich überlebt, also kann es gar nicht ganz falsch gewesen sein. Das es euch jetzt daran hindert zu differenzieren welche Art der Stärke erforderlich sein kann, halte ich nun für weniger sinnvoll.
    Deshalb gleich alle Lehren über Bord zu werfen wäre aber der falsche Weg. Es ist der Glaube von einem Teil der Leute bei euch, daher ist es auch ein Stück Identität, so etwas wirft man nicht einfach weg. Aber gerade im Hinblick auf eure chronischen Schmerzen schwächt euch diese Überzeugung derzeit wohl eher als das sie hilft. Was schadet es schon, darüber einmal nach zu denken?
    Genau solche Situationen sind es, wo beide Seiten eures Systems unglaublich voneinander profitieren und lernen können.

    Antwort

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