Der Dschungel ist eröffnet, oder: Die Dschungelprüfungen unseres Lebens

Dieser Text kann Betroffene stark triggern. Überlegt euch also bitte gut, ob ihr gerade stabil genug seid, ihn lieber gar nicht oder besser zu einem anderen Zeitpunkt lest.

Das Dschungelcamp startet wieder durch und was-weiß-ich-wie-viel millionen Deutsche schauen sich das Spektakel an und erfreuen sich an dem Leid derer, die die Prüfungen machen müssen. Spätestens ab dem Zeitpunkt, an dem das Publikum den Prüfling bestimmt, geht es nicht mehr darum, denjenigen zu wählen, der die Prüfung gern machen möchte oder denjenigen, der dem am ehesten gewachsen scheint, sondern denjenigen, von dem man meint, er würde am meisten darunter leiden. Woran das wohl liegen mag? Spricht nicht auch aus diesem Verhalten schon ein wenig das Machtverhalten der Rasse Mensch? Ich kann dich nicht leiden, also musst du leiden und ich habe Spaß daran, sitze Daheim auf der Couch und erfreue mich daran, wie ein anderer Ängste und Ekel überwinden muss.

Mir kommt zu dieser Sendung immer nur ein Gedanke. Manchmal möchte ich den Leuten ins Gesicht brüllen, dass das was diese Menschen, alle volljährig, freiwillig und für Geld tun, ähnlich dem ist, was viele viele Kinder, gegen ihren Willen erleben. Ohne die Möglichkeit zu rufen: „Ich bin ein Kind, holt mich hier raus!!!“ Denn das würde niemanden interessieren, geschweige denn dafür sorgen, dass dieses Kind Hilfe bekommt. Höchstens nochmal ein paar Schläge mehr, ein bisschen mehr Schmerz, ein bisschen mehr Folter, ein bisschen mehr Angst, jedoch keine Hilfe, kein Ende der Folter. Denn nichts anderes ist genau das!
Nein, ich behaupte nicht das die Leute im Dschungelcamp der Folter unterliegen. Sie haben sich aus freiem Willen entschieden teilzunehmen und ihnen ist bekannt, welche Prüfungen dort auf die Teilnehmer zukommen. Das einzige was sie evtl. dazu zwingt ist ihr Drang in der Öffentlichkeit zu stehen oder auch finanzielle, materialistische Aspekte.
Vor den Fernsehern sitzend, lachen alle darüber, wenn ein Erwachsener sich in eine Art Sarg legen muss, gefüllt mit einem Haufen ekliger Tiere (Ratten, Käfer, Maden, Spinnen), der Deckel draufkommt und er dort eine Weile ausharren muss, um seinen Stern fürs Abendessen zu gewinnen.

Nun stelle man sich bitte vor, dass es in RiGaG-Kreisen „normal“ ist, Kinder schlimmsten Ängsten und Ekel auszusetzen. Da wird das Kind gezwungen zu essen, was ihm vorgesetzt wird, Verschimmeltes, Erbrochenes, Kot, rohes Fleisch, Urin, Blut. Alles um jegliche Grenze zu überschreiten, um Widerstand zu brechen, um Selbstbestimmung zu nehmen. Was wiederum auch wichtig ist, denn in dem ein oder anderen Ritual gehört es dazu Blut zu trinken oder auch z.B. das Stück eines Herzens des Wesens, welches gerade getötet wurde, zu essen. Also müssen die Kinder das können, dürfen keinen Ekel davor haben und werden darin trainiert. Gut ausgebildet ist das Kind, wenn es alles, völlig egal was es ist, ohne Widerstand und Würgereiz, anstandslos und ohne Fragen, isst.
Zum Spalten eines Kindes ist es nötig, es in eine Situation zu versetzen, in denen es in Todesangst steckt, in denen sein Leben (gefühlt) gefährdet ist.
Da kommt es durchaus mal vor, dass ein Kind über Stunden oder Tage in eine Kiste eingesperrt wird, manchmal auch mit dem ein oder anderen Klein-Kriech-Ekel-Tier. Ergänzend sollte ich hinzufügen, dass dieses Kind nicht weiß, ob oder wann es wieder freigelassen wird, dass ihm vielleicht sogar gesagt wird, dass es als Strafe (für irgendwas) sterben wird. Von Dunkelheit umschlossen, völlig allein und unter Panik und Todesangst muss es ausharren. Ausharren bis es seine Lektion gelernt hat oder gewünschtes anderes Ziel erreicht wurde. Egal wie oft es in der Zwischenzeit schreit, bettelt, fleht. Da hilft nicht der Ausruf: „Ich bin ein Kind, holt mich hier raus!“ Keiner hört es, außer denen die genau das erreichen wollen. Die Seele spalten, Grenzen brechen, Leiden sehen, Demütigung erteilen, Kontrolle erlangen.

Ich finde diese Sendung äußerst geeignet, um nicht-Betroffenen in Ansätzen (denn das lässt sich noch um einiges ergänzen) eine Vorstellung von unserem Leben und dem Leben vieler anderer Kinder, zu ermöglichen.
Man übernehme (einige) der Prüfungen in eine andere Umgebung, meist deutlich beängstigender als der Dschungel es, mit all den anwesenden Personen und dem Wissen das einem dort nichts lebensbedrohliches zugefügt wird, sein kann, ersetze die zu prüfende Person durch ein verängstigendes, nichts ahnendes/wissendes, den Menschen um sich herum ausgeliefertes, Kind und nehme sich für die „Prüfung“ ein bisschen mehr Zeit. Soll ja schließlich wirksam sein, Erfolg versprechen. Das benötigt schon ein wenig Zeit. Und man sollte bitte nicht vergessen, dass dem Kind keine Wahl bleibt, ob es das erträgt, aushält und überlebt. Es hat keinen eigenen Willen!

So, nun viel Spaß allen Dschungelcampfans bei ihrer Sendung.

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8 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Spiegelschatten
    Jan 12, 2013 @ 11:50:12

    Diesen Beitrag unterschreibe ich sofort.
    Mich regt diese Sendung dermaßen auf, weil meine Gedanken genau die gleichen sind. Da wird dieses Ekeltraining zur Belustigung zur Schau gestellt und in mir brüllt es nur wie dumm die Menschen doch sein können…

    Antwort

  2. pandorasshowcase
    Jan 12, 2013 @ 14:00:05

    Danke

    Antwort

  3. seelenlabyrinth
    Jan 12, 2013 @ 14:31:36

    Ich mag das Format nicht. Es ist für mich ohne Worte.

    Antwort

  4. nelliiii
    Jan 12, 2013 @ 16:56:18

    Das Dschungelcamp ist auch nichts für mich. Die Fragen, die jedes mal in meinem Kopf kreisen, sind: 1. Warum machen die das freiwillig? 2. Wer guckt sowas und vorallem wieso?
    Ach, da kriegt man dich Aggressionen…

    Antwort

  5. sweetkoffie
    Jan 12, 2013 @ 19:31:31

    Mit dem Dschungelcamp ist es wie mit der Schokolade: ich soll sie nicht essen, aber ich muß es immer wieder tun :mrgreen:

    Antwort

    • Mosaiksteinchen
      Jan 12, 2013 @ 19:42:22

      Warum auch nicht, es spricht nicht wirklich etwas dagegen. Etliche andere Menschen schauen es auch. Hin und wieder tun wir uns das auch an, wir finden es interessant wie die Teilnehmer sich im Laufe der Zeit unter der Anspannung verändern und da die Anwesenden sich selbst für diesen Weg entschieden haben, muss ich mir auch um deren Psyche keine Gedanken machen 😉

      Antwort

  6. stjaernljus
    Jan 16, 2013 @ 04:36:15

    Das ist ein Artikel der in die Öffentlichkeit, Zeitungen etc. sollte. Denn genau so ist es wie ihr es beschrieben habt. Wir sind sehr froh keinen Fernsehr mehr zu haben. Es gibt darin so viel Demütigung und das Publikum ergötzt sich daran, dass dies aber auch wehrlosen Personen geschieht – da mag niemand dran denken.

    Antwort

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