Pass auf was du sagst!

Warum wir so vieles nicht sagen können…

Warum wir sagen, was andere hören möchten…

Warum wir nicht wir sind…

Wir sind so oft so eingeschränkt in dem was wir sagen können. Stellt man uns eine Frage, die als Antwort eine Entscheidung fordert und sei sie noch so klein, wird sie zu einer riesigen Herausforderung und wird, wenn irgendwie möglich, nicht beantwortet. Man fängt an rumzudrucksen, zu überlegen was der, der die Frage stellte, für eine Antwort hören möchte. Welche Antwort für ihn die richtige ist, was man am schlausten antworten sollte, man versucht hektisch eine Geste zu erhaschen, die darauf schließen lässt, stellt Gegenfragen, gibt umschweifende Antworten bei denen die Antwort aber offen bleibt. Auch eine gern angewendete Methode, wenn man nun gar nicht weiß, wie man das, was man gern antworten würde, sagen soll, ohne das es einem zum Verhängnis wird, driftet man ab, jemand anders darf muss sein Glück versuchen, vielleicht kriegt der es ja irgendwie hin eine unverbindliche Antwort zu finden, eine die nicht gefährlich ist, eine die erlaubt ist. Oder er schlägt unbemerkt ein anderes Thema ein, so dass die Frage in den Hintergrund gerät.

Du hast keine Bedürfnisse!

Du hast keine Wünsche!

Du hast keine Rechte!

Das sind früh gelernte Muster, früh einprogrammiertes Verhalten und trotz des Wissens gelingt es uns nicht sie zu durchbrechen.

Ständig hockt uns die Gefahr im Nacken, man könnte etwas falsches geantwortet haben, etwas was alles zerstört, alles wegnimmt. Etwas wofür man bestraft wird, etwas was verboten ist, ein Wunsch der einem nicht zusteht (somit eigentlich keiner).

Die Methoden mit denen uns beigebracht wurde, das jegliche Antwort die falsche ist oder das bestimmte Fragen ausschließlich mit eingeübten Aussagen beantwortet werden dürfen, waren mannigfaltig. Ich möchte versuchen Beispiele zu nennen.

Das Kind war über mehrere Tage eingesperrt in einer kleinen Kammer, in einem Abstellraum der gerade so groß war, dass es ausgestreckt darin liegen konnte. Es war verboten sich hinzulegen, bedurfte einer gesonderten Genehmigung, dementsprechend hockte es in der Kammer, ohne Licht, ohne Fenster, ohne Zeitgefühl. Abgeschieden vom Rest der Welt, allein und doch unter Beobachtung. Zu essen bekam es nichts, zu trinken auch nicht und es hätte sich nie gewagt darum zu bitten. Irgendwann, es war längst im Irgendwo-von-Nirgendwo, die erlösende Frage, ob es hunger hat oder etwas trinken möchte. Das Kind hatte hunger, war ausgetrocknet, hatte aufgeplatzte Lippen und Durst. Das hätte es nicht sagen dürfen, es hatte seine Lektion nicht gelernt. Erst wenn es keinen Hunger mehr verspürte, erst wenn das Bedürfnis zu trinken überwunden ist, kann das Kind aus der Kammer. Erst dann bekommt es etwas zu trinken und zu essen. Erst, wenn es verstanden hat, das ihm das nicht zusteht, das es ein Privileg ist Essen zu bekommen. Erst, wenn es seine Bedürfnisse nicht mehr wahrnimmt, erst wenn es verstanden hat, dass es nicht seine Entscheidung ist, dass es in der Macht des anderen liegt, ob es weiterleben darf oder nicht, erst dann hat es seine Lektion gelernt.

Kleineres Beispiel aus dem Alltag.

Wie geht es dir? Gut. Wie geht es dir? Gut. Wie geht es dir? Gut. Wie geht es dir? Gut. Wie geht es dir?

Wage dich ja nicht die falsche Antwort zu geben, es könnte eine Prüfung sein, alles könnte eine Prüfung sein. Fragt der Lehrer, antworte gut, er sagts sonst der Mami! Fragt ein Fremder, antworte gut, er könnte kein Fremder sein! Fragt jemand anders, antworte gut, du kannst dir nie sicher sein!

Antwortete das Kind ein etwas abgeschwächtes „geht so“, konnte es sich gewiss sein, das es früher oder später raus kam. „Irgendwie“ kam es immer raus. „Irgendwie“ ist nur halb richtig. Früh wurden Anteile der Psyche abgespalten, die ausschließlich Rapport erteilten, die jeden Fehltritt abspeicherten und bei nächster Gelegenheit, also bei der nächsten Befragung dieser Anteile, die in regelmäßigen Abständen ( jedesmal, hatte man sich außerhalb des bewachten Umfelds bewegt) stattfanden, mitteilten.

– Wie geht es dir? Gut!

Und, damit es nicht langweilig wird, noch ein Beispiel.

“ Du weißt, du musst bestraft werden aber ich überlasse dir die Wahl womit. Möchtest du lieber den Gürtel oder den Rohrstock (beliebig durch andere zur Verfügung stehende Dinge ersetzbar)?“ Das Kind überlegt kurz, schaut sich die Gegenstände an. Welches schmerzt mehr? Der Rohrstock ist hart und schmal, er reißt die Haut auf, er tut weh, sehr weh. Der Gürtel ist ein fester Ledergürtel mit Metallschnalle, wenn die einen trifft, nein, weiter will das Kind nicht denken. Es zeigt auf den Rohrstock, er geht schneller kaputt, ist nicht soooo schlimm wie die Metallschnalle vom Gürtel.

Und, welche eine Überraschung, es war die falsche Entscheidung, sie lag auch gar nicht bei ihr. Nun bekommt sie zuerst den Rohrstock und erst nachdem der kaputt ist, kommt der Gürtel mit seiner Metallschnalle. Sie hätte wissen müssen, dass sie etwas schlimmes getan hat, dass sie eine schlimme Bestrafung braucht. Sie hätte sich nicht für das Schlagwerkzeug entscheiden dürfen, welches den geringeren Schmerz hinterlässt.

Unabhängig von den gezielten Trainings-Stunden-Tagen, gab es da auch im Alltag prägende Dinge. Nur weil etwas im Kühlschrank war, hieß es noch lange nicht, dass wir es hätten nehmen dürfen. Auch andere Dinge durften nicht einfach angefasst oder genommen werden, nein, auch nicht ein Stift oder ein Papier. Es wurde nichts getan was nicht ausdrücklich erlaubt oder gefordert wurde. Das ist eine gute Grundlage um für sämtliche Bestrafungsaktionen einen Grund vorweisen zu können, denn es war nicht möglich diese Regeln zu befolgen. Zumal es da auch immer wieder Abweichungen, Erneuerungen, Ergänzungen gab, die man natürlich hätte wissen müssen 😉

Und im Heute verschimmelt das Essen im Kühlschrank. Hat ja keiner ausdrücklich gesagt, dass wir es essen dürfen. Die Kerze zünden wir auch lieber nicht an, wer weiß ob das in Ordnung geht. Ja, die Schokolade hätte ich gern gegessen aber ich wusst nicht ob es okay ist.
Möchtest du denn eine Stück?
– Ähm, ja weiß ich nicht, darf ich denn?
Weißt du womit ich mein Frühstücksbrötchen belegen darf? Bitte sag es mir, dann muss ich nicht erst eine halbe Stunde mit mir kämpfen, bis ich eine Hälfte belegt habe!

Immer wieder wird erwartet, dass wir Entscheidungen treffen, dass wir Antworten geben. Wir kennen unsere Antworten (auch wenn sie von Person zu Person unterschiedlich sind), werden sie aber nicht sagen, wirklich nicht! Ich weiß nicht ob es die Antwort ist, die du hören möchtest, die die für dich in Ordnung ist, die die deinen Vorstellungen entspricht! Es tut mir leid, ich kann dir nicht antworten!

Innerlich schreien wir dir die Antwort entgegen, sagen werden wir sie aber nicht, du „darfst“ entscheiden!

Wir sind nicht wer wir sind! Wir sind, wer du willst, dass wir es sind! Such es dir aus, es ist alles okay solange es für dich in Ordnung ist!

Wir haben keine Bedürfnisse!

Wir haben keine Wünsche!

Wir haben keine Rechte!

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6 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. seelenlabyrinth
    Jan 15, 2013 @ 07:23:14

    Mir stehen die Tränen in den Augen und es fehlen mir Worte, dass auszudrücken, was ich Euch gerne sagen würde. Eure Worte berühren mich zutiefst.

    Antwort

  2. strandkrabbe
    Jan 15, 2013 @ 08:05:55

    Es ist kaum möglich, passende Worte zu finden, die ausdrücken könnten, was gerade an Gedanken dazu im Kopf sind. Ich denke, dass ihr sehr wohl Bedürfnisse habt und Wünsche und auch ein Recht auf all das. Nur viel zu tief vergraben, von soooo viel Angst und Verzweiflung verschüttet liegt all das, was sein könnte irgendwo, wo ihr es nicht sehen könnt. Es ist unendlich schwer, den ganzen „Schutt“ Körnchen für Körnchen wegzuräumen. Aber eines Tages werdet ihr das geschafft haben und euch wieder trauen können. Manchmal scheint es so, als würde es keine Hoffnung geben. Dabei ist es nur eine Kurve, die den Weg verschwinden lässt.

    Antwort

    • Mosaiksteinchen
      Jan 15, 2013 @ 12:36:53

      Es ist wirklich eine große Aufgabe, diese Muster zu verlassen, noch schwerer, sie überhaupt zu erkennen. Häufig fällt es uns gar nicht auf, nur manchmal merken wir es selbst (was zumindest eine gute Grundlage für Veränderung bietet), meistens bleibt es unbemerkt und manchmal werden wir darauf angesprochen. Glücklicherweise von. Menschen die uns nah sind, die uns kennen und die uns immer wieder Dinge erlauben, wenn wir es selbst nicht können. Menschen, die sich sogar wünschen das wir Bedürfnisse äußern, uns satt essen am Inhalt unseres Kühlschranks, die sogar extra Sachen kaufen von denen sie wissen das wir sie mögen. Wichtig nur, uns dann auch die Erlaubnis zu erteilen, diese essen zu dürfen, sonst kann man sie nach einiger Zeit entsorgen. Es kann ganz schön frustrierend sein, uns immer und immer wieder ermutigen zu müssen, umso dankbarer sind wir für die Menschen, die sich dennoch immer wieder bemühen.
      Danke für den Kommentar! Es wird wahrscheinlich wirklich noch lange dauern und es sind immer nur ganz mini-kleine Fortschritte. Aber, es gibt Fortschritte! Heut geht schon viel mehr als noch vor ein paar Jahren, viel zu viel leider auch nicht. Aber, wir sind ja Stehaufmännchen, also probieren wir es immer und immer wieder und gehen, wenn wir es schaffen nicht nur ein Risiko ein, sondern lernen auch, dass es heut manchmal gar nicht mehr so schlimm ist, wir selbst zu sein!

      Antwort

  3. Ann Kick
    Jan 15, 2013 @ 12:03:59

    Ich würde gerne „gefällt mir“ klicken, aber ist hier unpassend. Dennoch bin ich berührt und erschüttert.

    Antwort

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