Erinnerungen an den Bruder

Hier folgen ein paar kleine Erinnerungen die evtl. triggern könnten. Also, wie immer: passt auf euch auf!

 

Ein Tag mit vielen Erinnerungen.

Erinnerungen an die Zeit früher, als wir noch bei der Mutter lebten, als wir noch klein waren, als wir noch eine Familie hatten.

Erinnerungen an die Zeiten mit unserem Bruder.

Keine ganzen Erinnerungen, nur Ausschnitte, ohne Zusammenhänge, ohne Wissen, einfach nur Ausschnitte, Videofetzen mehr nicht.

Nicht nur negative Erinnerungen tauchen auf.

Er hat immer wieder für uns gekämpft, dafür das wir irgendwelche Rechte bekamen.

Als wir noch klein waren, irgendwann in den Jahren bevor wir in die Schule kamen, durften wir nicht mit all den anderen gemeinsam am Tisch essen. Wir waren es nicht wert mit dazu zu gehören. Warum war völlig unklar, wir waren einfach nicht gut genug. Damals lebten wir mit einer anderen Familie zusammen, alle durften am Tisch sitzen. Acht Leute am Tisch und wir mit unserem Essen auf der Toilette. Dort war unser Essensplatz. Der Platz, der uns zustand. Jeden Tag wieder hat unser Bruder die Mutter angebettelt uns doch bei ihnen essen zu lassen, er hat es nicht ertragen können, das wir immer rausgeschickt wurden. Jeden Tag wieder hat er es versucht, jeden Tag wieder sich eine schallende Ohrfeige dafür eingefangen. Manchmal auch zwei, wenn er dann nochmal gefragt hat.

Mutter schlägt auf uns ein, mit Fäusten, mit Tritten, wir liegen am Boden, die Arme schützend vorm Gesicht, die Beine angezogen, wie ein Embrio. Wimmere vor mich hin, flehe sie an aufzuhören, mich nicht tot zu schlagen. Dann der Bruder, er zerrt an ihr. Schreit, sie soll aufhören, soll lieber ihn verprügeln, wenn sie nicht weiß wohin. Das alles während sie auf mich einschlägt. Er gibt nicht auf, reißt weiter an ihr rum, bis sie sich irgendwann umdreht, von mir ablässt und ihn verprügelt. Nachdem sie fertig war, für den Bruder hatte sie nicht mehr soviel Kraft übrig, kam er und hat mich getröstet und mir geholfen.

Wir sind angeln in Schweden. Mein Bruder, mein Opa und ich. Das haben wir häufig gemacht, stundenlang immer wieder die Angeln ins Wasser geschmissen und uns über jeden Fang gefreut. Hatten wir nen Fisch gefangen war man stolz auf uns, hat uns gelobt und zuhause den Fisch vorgezeigt. Einmal hab ich nen Hecht geangelt der war nen Meter zwanzig groß. War ziemlich genial, davon wurd sogar n Foto geknipst. Da war selbst der Bruder voll stolz auf mich, obwohl der mich sonst immer voll aufgezogen hat. So von wegen Mädel beim Angeln, das kann ja nichs werden. Oder, zieht die Köpfe ein Leute, die … wirft die Angel aus. Tja, ich habs ihm gezeigt und ich hab immer mehr gefangen als er und meist auch größere Fische.

Nach einer schlimmen Nacht dürfen wir endlich ins Bett, Skatabend ist vorbei, wir dürfen schlafen gehen. Gehen in unser Zimmer, dort warten wir bis die Mutter im Bett ist, schieben dann die Zwischentür zum Zimmer unseres Bruders auf, eine schwere Holztür, sie quitscht und knarrt etwas und man muss sehr vorsichtig sein, ein kleiner Spalt reicht, durch den quetschen wir uns durch und rutschen zu unserem Bruder ins Bett. Wir wollen jetzt nicht allein sein mit all dem Schmerz und all dem allein sein und all der Verzweiflung. Er dreht sich um, nimmt uns in den Arm, deckt uns zu. Beide sind wir nackt, angezogen durften wir nicht schlafen. Er hat eine Erektion, hat vielleicht schon auf uns gewartet, steckt ihn in uns rein und bewegt sich bis er kommt. Wir liegen einfach da, er erwartet nicht das wir mitmachen, es reicht ihm, wenn wir da liegen. Danach nimmt er uns in den Arm, streichelt uns und schläft mit uns im Arm ein. Er beruhigt uns, ist lieb.

Ich bin beim Handball, ein wichtiges Spiel, es geht um den Aufstieg in die Oberliga. Alle sind da, die Mutter, der Bruder, die Großeltern, der Onkel. Alle erwarten ein perfektes Spiel, sie erwarten das mein Name im Zeitungsbericht erwähnt wird, dass ein Foto von mir in der Zeitung zu sehen sein wird. Dafür muss ich gut spielen, nicht nur gut sondern sehr gut und eigentlich noch besser. Ich muss auffallen, als die Beste auf dem Spielfeld. Mir ist klar, dass ich niemanden enttäuschen darf, niemanden enttäuschen möchte, es soll sich niemand für mich schämen müssen! Mein Spiel wurde perfekt, wie so oft habe ich nach dem Spiel wieder Angebote anderer Mannschaften bekommen, wie so oft wollte die Zeitung mit mir sprechen, wie so oft, stand mein Name hinterher in der Zeitung, wie so oft, daneben ein Foto meiner Person. Meine Mutter war unzufrieden, hatte immer noch was zu meckern, meine Oma stimmte in ihre Kritik vollkommen ein, der Opa sagte wie immer nichts. Der Bruder aber, er kam mir entgegen gerannt: “ Geniales Spiel Schwesterherz! Echt geil gespielt. Da kannste mal wieder richtig stolz auf dich sein, Alte!“

Das sind nur ein paar kleine Erinnerungen des heutigen Tages…

und der Bruder fehlt, die Sehnsucht ist so groß, die Schuld wächst von Sekunde zu Sekunde…

… wir habens nicht anders gewollt…

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