Nach langem ist es wieder passier

Fast hätten wir es vergessen, wie es sich anfühlt, wenn wir uns selbst schneiden, fast.

Die Erinnerung wurde aufgefrischt und ist enttäuschend. Wir haben es zu schnell mitbekommen, sind zu schnell dazwischen gekommen und haben es unterbrochen.

Und jetzt? Niemand hat sein Ziel erreicht. Druckabbau hat nicht stattgefunden, dafür war es viel zu wenig, viel zu oberflächlich, zu wenig Blut, zu wenig Schmerz.

Hinzu kommt jetzt noch die steigende Wut aufeinander. Der Selbsthass, weil wir nicht schnell genug dazwischen gekommen sind um es ganz zu verhindern, die Angst vor Strafe, die Scham, …

Dementsprechend wurde kein Druckabbau erreicht sondern das Gegenteil.

Noch mehr als vorher möchten wir einfach nur noch weg sein.

Und wieder einmal ist es mitten in der Nacht. Da ruft man niemanden mehr an, viel zu spät. Und selbst wenn, was soll man dann sagen? Viel zu groß die Scham es schon wieder nicht allein zu schaffen.

Wir dürften Menschen anrufen, sie haben uns die Erlaubnis gegeben. Nicht nur das, sie haben sogar darum gebeten. Sie haben darum gebeten, dass wir uns melden bevor etwas passiert. Jetzt ist es also bereits zu spät, es ist schon was passiert. Nichts schlimmes und doch schlimm genug um uns selbst in die nächste Krise zu stürzen bzw auf die Krise noch einen obendrauf zu setzen.

Hätten wir es zulassen sollen das tief geschnitten wird, mehr geschnitten wird? Hätten wir dann jetzt etwas Ruhe?

 

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10 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. jerryfaber
    Mrz 10, 2013 @ 11:12:03

    Ein oder mehrere Teile von euch sind für das Schneiden verantwortlich. Es ist ihre Aufgabe, in schwierigen Momenten, für Entlastung und/oder Befreiung zu sorgen. Und nichts anderes haben sie getan. Für ihre Hilfe und Schutz all die Jahre lang gilt es ihre Leistung zu würdigen und in Ehre zu halten.

    Auf der anderen Seite ist es nun an dem heutigen Erwachsenen sich um das verletzte Kind zu kümmern und langfristig die Aufgabe der oder bestimmter Teile zu übernehmen.

    In dem Sinne sind weder Scham noch Wut angebracht; jede(r) hat geholfen, jede(r) auf seine Weise und das Schneiden habt ihr begrenzt.

    Antwort

    • pandorasshowcase
      Mrz 10, 2013 @ 13:31:26

      Auch Selbstbestrafung hat eine Erleichterung zum Ziel, sonst müsste nicht bestraft werden. (Auto)destruktive Anteile handeln häufig so, um (manchmal auch nur vermeintlich) schlimmeren Schaden abzuwenden. Verlässlichere, weniger schädliche Methoden zu suchen ist bestimmt von Vorteil, aber auch sehr viel Arbeit.

      Antwort

      • Mosaiksteinchen
        Mrz 10, 2013 @ 17:07:56

        Häufig ist es das. Nicht immer aber man wählt das kleinere Übel um das größere zu verhindern und manchmal ist es auch eine Kombination von Beidem.

  2. Abendstern
    Mrz 10, 2013 @ 11:19:40

    Ich glaube dass man das nicht so verallgemeinern sollte. Das SVV ist eine dysfunktionale Verhaltensweise und kann durchaus auch von destruktiven Anteilen angestoßen werden. Dann dient es weniger der Entlastung als vielmehr der Bestrafung.

    Und jedes Gefühl das dabei entsteht – auch Scham oder Wut – sehe ich als angebracht und berechtigt. Gefühle zu benennen und zuzulassen, gerade in Verbindung mit solchen Verhaltensweisen, ist ein ganz wichtiger Prozess.
    Und gerade diese Gefühle sind es die geeignet sind solche Verhaltensweisen und die damit verbundenen Gedankenketten zu durchbrechen und sich davon zu distanzieren.

    Antwort

  3. strandkrabbe
    Mrz 10, 2013 @ 13:21:44

    Wir hoffen sehr, dass Ihr die Nacht noch irgendwie überstehen konntet. Es ist schwer, wenn beides zeitgleich da ist. Das alte „Überlebensmuster“ und das neue „Wissen um andere Wege“. Dann fühlt es sich so an, als wenn das Dazwischen zu nichts gut ist und gar nicht hilft. Ja, weil ein Teil weiß, dass das Schneiden nicht gut ist, aber jeder andere Weg mit dem umzugehen, was da ist, ist so fremd, dass er Angst macht.
    Es ist schwer, das jetzt auszuhalten und sicherlich fühlt es sich so an, als ginge das gar nicht. Aber ganz bestimmt schafft Ihr das, weil Ihr schon viel viel schlimmeres geschafft habt durchzustehen.
    Es ist IHR Plan schon immer gewesen, Euch so zu verunsichern und mürbe zu machen. Ihr könnt uns glauben, irgendwann könnt Ihr wieder sehen, dass es nur ganz viel Nebel und Dunkelheit war. Da kommt auch wieder Licht. Ganz sicher.
    Wir schicken euch ganz viel Kraft zum durchhalten und weiterkämpfen.

    Antwort

  4. Orakel
    Mrz 12, 2013 @ 08:51:11

    Ich muss Abendstern widersprechen: SVV ist nicht dysfunktional. In erster Linie ist es eine Bewältigungsstrategie wie jede andere auch. Erst wenn die Anwendung schädlich oder unverhältnismäßig wird verliert sie ihren Sinn.
    Ihr habt geschnitten und das ist gut auf die Weise wie ihr es getan habt: ohne tiefe Verletzung und nur so wenig als notwendig. Alle anderen Skills und Vermeidungsversuche die ihr im Vorfeld angewendet habt, haben nicht mehr ausgereicht.
    Natürlich ist es nicht das beste aller möglichen Hilfsmittel, aber eines das bei euch funktioniert. Offenbar habt ihr damit Druck abbauen können, nur wenig, aber das reichte für den Augenblick.

    Ihr seid immer noch da und führt noch immer euren Kampf gegen euch selbst. Also hat das Schneiden seinen Zweck erfüllt. Ihr habt das Minimum dieses Skills eingehalten, etwas das euch mit Stolz erfüllen darf. In dieser Situation jedenfalls.
    Ich bin sicher, niemand ist euch böse. Das ihr weiter da seid, das ist wichtig für die Menschen um euch. Wenn ein bisschen Schneiden dazu beigetragen hat, dann ist das akzeptabel.

    Es kommt nur auf das Kosten-Nutzen-Verhältnis an.
    Manchmal ist ein Schritt zurück wichtig um aus einer Sackgasse zu kommen und wieder zielgerichtet voran schreiten zu können. Nichts anderes habt ihr getan, jeder Anteil auf seine Weise.

    Antwort

  5. Dane Redbeard
    Mrz 15, 2013 @ 03:00:40

    Ob es nun dysfunktional ist oder nicht, für mich ist es ein Hilfe ruf. Ich weiss genau wie ihr(?) euch fühlt.
    Da ist der Schmerz, die Hoffnungslosigkeit.

    Klar ruft ihr um die Zeit niemanden an, aber es gibt noch eine andere Möglichkeit.
    Deine Texte berühren mich und viele andere Leser. Das nächste mal schreibt uns einen Blogpost. Versucht eure Gedanken zu ordnen in dem ihr sie zu Papier bringt.

    Ich wünsche euch weiterhin ganz viel Kraft und sede euch eine warme Umarmung

    Dane

    Antwort

    • Mosaiksteinchen
      Mrz 15, 2013 @ 11:30:38

      Vielen Dank Dane für deine Worte. Schön zu lesen, dass unsere Texte berühren…
      Schreiben ist oft sehr hilfreich für uns, es ist was loswerden, aus dem Kopf kriegen oder einfach nur sortierter kriegen. Das schönste daran ist, es funktioniert oft noch, wenn die Worte schon längst ausgegangen sind und sprechen nicht mehr möglich ist.

      Natürlich ist SVV am Ende dysfunktional. Auch wenn es schlimmeres verhindern kann und deshalb teilweise genutzt wird bleibt es im Ergebnis selbstschädigend und das kann nicht gut sein. Dementsprechend, ja es ist okay das es passiert ist, es wäre auch okay wenn es anders gelaufen wäre. Es war nötig, nicht mehr aufzuhalten und fürs nächste Mal nehmen wir uns vor, nochmal mehr nach anderen Möglichkeiten zu suchen. Und vielleicht ist es das Aufschreiben das uns dann helfen kann…

      Antwort

  6. Orakel
    Mrz 15, 2013 @ 14:00:42

    Ich finde es auf jeden Fall bewundernswert wie ihr mit dieser Situation umgeht.
    Es wäre doch um so vieles einfacher dem Drang nachzugeben.
    Selbst in eurer „Schwäche“ zeigt ihr noch sehr viel Selbstbeherrschung. Ihr habt euch den Blick für die Verhältnismäßigkeit eurer Handlungen bewahrt. Manch anderer Mensch bekommt das unter günstigen Umständen nicht hin.

    Respekt

    Antwort

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