Die verbotene Sehnsucht

Ich-die jetzige Schreiberin-Eine von Vielen

Scham breitet sich aus, fließt in jeden Winkel meines Selbst. Gedanken und Gefühle sind ein unkontrolliertes gut. Ich kann mir verbieten bestimmte Gedankengänge weiter zu verfolgen, denke sie aber dennoch. Ich kann mir verbieten bestimmte Gefühle zu fühlen, dennoch sind sie deshalb nicht weg, beeinflussen dennoch mein Handeln und Sein, ob bewusst oder unterschwellig, vertreiben lässt es sich nicht.

Als ich geboren wurde stand mein Leben bereits geschrieben, nicht jede Einzelheit aber ein Grundgerüst war vorbereitet, beschlossen, auferlegt, ohne Zweifel zu akzeptieren. Eigenes denken war unerwünscht und nicht nur das, es war verboten. Phantasien von einem anderen Leben, inakzeptabel und unter Strafe gestellt.

Ich bin kontrolliert, schon immer gewesen. Ich habe gedacht und geschwiegen, gewartet und geplant. Das tue ich noch heute, ich plane und warte. Ich warte auf den richtigen Moment. Auf den Moment von dem mir heute bewusst wurde, dass es ihn nie geben wird. Es wird nie der richtige Zeitpunkt sein, nie die Richtige Gelegenheit, nie ein guter Moment.
Denn es ist die Entscheidung die den richtigen Augenblick ausmacht. Sie ist es, die den nächsten Moment bestimmt.

Und ich dachte ich hätte mich entschieden, ich hätte einen klaren Weg, eine klare Entscheidung gefunden. Auch jetzt habe ich sie nicht verloren, den Weg nicht aus den Augen verloren, allerdings zweifel ich an mir.

Ich habe Sehnsucht nach der RiGaG, meinem Zuhause, meiner „Familie“, meinem Sinn. Nur dort bin ich ich. Nur dort fühle ich mich nicht fremd in der Welt, nicht wandelnd in Nebelschwaden, nicht klein und unbedeutsam, nicht allein.
Ich kenne meine Aufgaben, mache keine Fehler, kenne die Regeln und Vorgaben.

Und dagegen setze ich mein Wissen darüber, wie falsch dieses Leben ist, wieviel Leid es bedeutet. Meine Entscheidung dagegen und für ein eigenes Leben. Ein echtes eigenes Leben, in dem wir Entscheidungen treffen, weil wir sie treffen wollen, weil wir es wirklich selbstbestimmt tun und nicht vorgegeben von einem auferlegtem Verhaltenskodex, der weder meiner Vorstellung von Leben gerecht wird, noch sich in rechtlich legitimem Rahmen bewegt.

In mir brennt trotz diesem Wissen die Sehnsucht und der Kampf mit mir nimmt Ausmaße an, die ich kaum ertrage.

Wie kann ich so versagen und dieses Verlangen, diese Sehnsucht spüren! Wie kann ich real in Zweifeln versinken, ob ich nicht doch zum Treffen gehe und nicht doch bei dem bleibe was mir vertraut ist! Wie kann es sein, dass ich überhaupt nur daran denke?!?

Und weil ich das nicht will eigentlich und weil dieses eigentlich ein gefährliches EIGENTLICH ist, schäme ich mich, hasse ich mich, verachte mich und begreif mich nicht!
Es dürfte kein „eigentlich“ geben, es dürfte mich nicht so sehr greifen und vor allem dürfte es mich nicht steuern.

Trotz dieses Wissens tut es aber genau das! Es steuert und zerreißt mich!
Dafür hasse ich mich, verachte und verabscheue ich mich!

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4 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. diepaulines
    Jun 21, 2013 @ 12:01:52

    durch diese „verbotene Sehnsucht“ schimmert so viel Angst… und Angst ist eine natürliche Reaktion, etwas, das „einfach passiert“ und für das man sich nicht verurteilen sollte. Es ist gut, dass Du diese Unsicherheit wahrnimmst, weil sie Dich schützen kann und weil Du aufmerksamer wirst für das, was in Dir und Euch passiert. Gut, dass Du diese Alarmsignale spürst und gleichzeitig noch weißt, wohin Dein/Euer Weg gehen soll! Die Zerrissenheit ist furchtbar schwer auszuhalten… Sie wird wieder „leichter“ werden! Wir wünschen Dir/Euch sehr, dass „weiter durchhalten“ gelingen kann und Ihr zwischendrin auch noch Erholungsphasen erlebt. Viele Grüße!

    Antwort

  2. pandorasshowcase
    Jun 21, 2013 @ 13:38:25

    Wie sollst du freudestrahlend an einem Strand in den Sonnenuntergang laufen – was für mich verständlicherweise, aber nicht akzeptierterweise viele Erwarten, die nicht verstehen können wo du und andere wie du herkommen.

    Wie muss sich ein Mann, der einmal König eines kleinen Stammes in einem Land, in dem der Bürgerkrieg tobt, fühlen, wenn er auf einmal am Flughafen Frankfurt mit anderen Asylbewerbern landet und abgefertigt wird wie ein Stück Vieh. Wenig freundlich wird er weitergewiesen wird, Unterkunft und Verpflegung bekommt er – die vielleicht gar nicht so schlecht sein mag, aber er ist einer von Vielen, der die Sprache nicht kennt und die Gebräuche nicht versteht. Keiner weiß, wer er eigentlich ist, welche Aufgaben er hatte, dass er einmal eine Heimat hatte, wo er wichtig war. Wo er eine Aufgabe bekleidete für die er geboren wurde, ausgebildet wurde.

    Das Beispiel mag an sehr vielen Stellen hinken und ich werde mich jetzt NICHT dazu hinreißen lassen irgend etwas zu faseln von wegen: „Ja, aber jetzt bist du doch frei, freue dich doch!“

    Freiheit, und mich meine echte Freiheit, die ist noch ein ganzes Stück entfernt.

    Insgesamt arbeitet ihr an dem, was man als moralisch überlegener bezeichnen darf. Das ist schön, das ist gut, aber auch hier gibt es Einzelschicksale, deren Geschichten erzählt werden müssen!

    Antwort

  3. seelenlabyrinth
    Jun 22, 2013 @ 10:10:11

    Hallo
    jede Entscheidung ist ein weiterer Schritt. Und wenn man im Zickzack weiter läuft, dich im Kreis dreht, schwankt, weil ein gerader Weg nicht möglich ist, weil es die Magnete der „mir fehlt ein Wort dafür was die RiGaG ausmacht“ gibt, so ist das nur zu verständlich.
    Ich finde das Beispiel des königlichen Asylbewerbers sehr treffend. Überträgt es doch den Kampf RiGaG gg. das was man als Ziel hat sehr gut. Denn auch der königliche Asylbewerber wird zerrissen sein und in einer ihm fremden Welt leben lernen, ist alles andere als leicht.
    Es ist eine fremde und verständnislose Welt, die nicht weiss wie sie mit den ihr fremden Weltenreisenden umgehen soll. Das macht es nicht gerade einfacher in ihr Fuss zu fassen.
    Sich dann an neu gewonnenen Wertvorstellungen fest zu halten ist alles andere als einfach und das Du dann daran denkst in die andere Welt zurück zu kehren nachvollziehbar. Geh nicht zu streng mit Dir ins Gericht.

    Antwort

  4. Trackback: Peinlich aber wahr, die Scheinwelt bricht ein… | Parallelwelten der Mosaiksteinchen

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