Ich wär so gern etwas unkomplizierter

Ungefähr fünf mal haben wir nun versucht etwas zu schreiben. Kurz vor Fertigstellung wurde es wieder gelöscht, zuviel gesagt, nichts gesagt, zu schwieriges Thema, zu blöd und uninteressant, zu wenig das sagend, was man sagen wollte. Vor allem aber zuviel Themen und Gedanken.

Alles in uns schreit nach Ruhe haben wollen, durchatmen dürfen, nur einen Moment…

Sämtliche Beziehungen sind kompliziert gerade, nichts was einfach normal gut funktioniert, überall Baustellen und selbstgemachte Probleme. Zu viel interpretieren oder zu wenig, zu viel vertrauen, misstrauen, zu viel Bindung oder zu wenig, Zweifel, Angst, Traurigkeit, Einsamkeit, mauern. Von allem zuviel und gleichzeitig zu wenig.

Wir sind uns selbst zu kompliziert, zu widersprüchlich, zu dämlich, zu wenig erwachsen, zu wenig kompetent, zu anstrengend, zu belastend, zu alles.

Nebenbei lebt uns unser Leben, mit all seinen Macken und lässt uns keine Zeit, diese auch nur im Ansatz zu begreifen, zu halten, zu verstehen und erst recht bleibt kein Raum für Verarbeitung.
Alles wird fleißig weggedisst. Das Leben lebt sich dennoch, mit und ohne unsere Beteiligung. Das wegdissen scheint der Weg zu überleben und zugleich fühlt es sich wie sterben an…

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Sich angenommen fühlen

Es fällt uns schwer einen Wiedereinstieg zu finden, gibt es doch kein bestimmtes Thema über das wir gerne schreiben möchten. Was aber durchaus auch und vielleicht sogar viel wahrscheinlicher der Fall ist, es sind zuviele Themen die raus wollen und zu wenig Kraft von allen zu schreiben.

Also machen wir es so, wie es uns sonst häufig hilft. Wir fangen erstmal überhaupt an.

Vergangenen Donnerstag hatten wir den Termin mit dem Weissen Ring. Darauf werden wir später oder gesondert nochmal eingehen.

Die Feiertage sind geschafft und liegen nun bereits seit einigen Tagen hinter uns. Wir haben sie gut überstanden, wirklich gut.

Was es uns sicher erleichtert hat war die Herzlichkeit, mit der wir bei unserer Vertrauten und ihrer Familie aufgenommen wurden. Zudem hatten wir mit unserer Therapeutin die Vereinbarung uns täglich kurz per sms mit ihr auszutauschen. Zwei Faktoren die uns zusätzliche Sicherheit boten und vor allem und das war sicher sehr bedeutend, das Gefühl nicht allein zu sein.
Unser Sohn hat sich sehr wohl gefühlt und war rund um die Uhr beschäftigt indem er im Garten graben durfte, mit den Hunden tobte oder das doch recht geräumige Wohnzimmer in eine Playmobil-Spiele-Wiese oder auch Ritterburg verwandelt hat. Wie schnell auch ganz normale Erwachsene wieder zu Kindern werden können, um über Stunden Ritterburg und Ponyhof korrekt zusammen zu setzen war schön zu sehen.

Wir hatten jederzeit die Möglichkeit uns zurückzuziehen, was wir aber deutlich weniger gebraucht haben, als wir es erwartet haben.
Im Gegenteil, wir haben sein dürfen mit den was gerade war, wir haben teilhaben dürfen oder auch nur vom Rand beobachten können. Es wurde nichts von uns erwartet, zumindest hatten wir zu keiner Zeit das Gefühl, sondern wir wurden darin bestärkt uns unseren Raum zu nehmen.

Situationen, die uns selbst unangenehm waren/sind, wurden hingenommen. Es wurde ihnen keine weitere Beachtung eingeräumt, sie wurden betrachtet als das was sie waren, als etwas was nun mal so ist.

Im Nachhinein überrollen uns die Emotionen.
Erinnerungen an unsere Familie und die Zeit der Feiertage dort. Die ständige Unsicherheit, das Eiersuchen mit den anderen Kindern aus dem Ort (keins der gefundenen Eier durfte man behalten), die ständigen Fehler die man machte und für die man später bestraft wurde. Der andauernde Wunsch sich einfach aufzulösen. Erinnerungen an das Taggeschehen die so schmerzhaft sind, das sie uns erneut zerreißen.

Und es ist gut für uns zu sehen, das es Familien und Menschen gibt, bei denen es anders läuft.

Neben dem gut ist es aber auch unbeschreiblich schmerzhaft!

Es tut weh so nah vor Augen zu haben wie es auch hätte sein können. Es ist ein aufschreien innerlich, ein zerreißender alles durchdringender Schrei, eine nicht auszuhaltende Sehnsucht, ein wimmern und ein, in sich selbst verheddertes, zusammengekauertes, vor Kälte zitterndes Bündel.

Und es ist nicht nur alter Schmerz, es ist mehr als das. Es ist Traurigkeit darüber was unser Leben aus uns gemacht hat. Traurigkeit darüber, dass wir uns für so wertlos halten, dass wir uns immer als zuviel empfinden, dass wir kein eigener Mensch werden durften, dass wir keine eigene Persönlichkeit entwickeln durften sondern die Persönlichkeiten gemacht wurden, dass wir nie wissen welcher Charakterzug denn ein eigener ist, dass wir nie sicher sein können, dass wir nie… es gibt zuviele „das wir nie – Sätze“…

…und dennoch ist es gut, tut es gut, dass wir nun gegenteilige Erfahrungen machen dürfen, damit all dieser Schmerz überhaupt erst gesehen werden kann und Raum bekommen kann.

Heute erfahren wir das sich Menschen bewusst Zeit für uns nehmen, dass sie aktiv unterstützen und da sein wollen, dass sie uns Halt anbieten.
Das alles können wir nicht ohne Zweifel annehmen, warten und rechnen jederzeit mit dem großen Knall, der das alles wie eine Seifenblase zerplatzen lässt.

Dadurch das wir für uns selbst so wertlos sind, verstehen wir nicht warum wir für andere wert haben. Und trotz alles Zweifel, wir sehen die Bemühungen, sehen den Wunsch und versuchen zu trauen. Doch je mehr wir das tun, desto unsicherer wird das Eis, desto gefährlicher ein Riss und erst recht der Einsturz.

Das ist ein Risiko das man hat, sobald man sich emotional auf Beziehungen einlässt und es ist ein Risiko das wir schon unendlich viele Male auf uns genommen haben, eines welches uns immer wieder schmerzlich hat aufprallen lassen, uns das ein oder andere Mal ordentlich Federn gekostet hat. Und gleichzeitig sind es die Beziehungen zu oder auch die Sehnsucht nach anderen Menschen, die uns schon immer am Leben gehalten haben.
Die guten Erfahrungen, die uns Menschen erleben lassen, weil sie bereit sind Zeit für und mit uns zu verbringen, weil sie teilweise über das professionelle Maß eines Helfers heraus agieren, machen die alten Erfahrungen nicht weg, nicht weniger schlimm und schmerzhaft. Sie machen sie aushaltbarer, wenn jemand da ist, der mit aushält.

Es gab keine Kraft mehr für Ausreden und Lügen

Es gibt Themen die wir in Gesprächen mit Menschen die uns nicht näher kennen gekonnt umschiffen und immer wieder fragen wir uns gleichzeitig warum wir das tun.

Natürlich, man entblöst sich nicht gern vor anderen Menschen. Selbst wenn sie nicht fremd sind und man sie vielleicht schon über einige Jahre hinweg kennt, oberflächliche Gespräche geführt hat. Es gibt Themen die wir gern vermeiden.

Auf die Frage danach was ich arbeite antworte ich also gern sowas wie:

– ach, ich gönne mir gerade eine Pause.

– ich bin auf der Suche nach etwas neuem aber derzeit braucht mich mein Sohn voll und ganz. Er ist mir da wichtiger.

– hey, guck mal drüben, der Tobias geht schon wieder dem Alex total auf die Nerven. Dem Kind würden Grenzen auch nicht schaden.

Ablenkungsstrategien gibt es so einige und sie werden fast täglich in verschiedenen Bereichen genutzt. Nein, wir sagen nicht das wir berentet sind, dass wir derzeit nicht fähig sind arbeiten zu gehen, dass wir mit dem was wir täglich um die Ohren haben vollkommen ausgelastet und teilweise schon überlastet sind. Nichts davon wird erwähnt, man lenkt ab.

In dem Moment wo wir zugeben wie es wirklich ist, muss mit weiteren Fragen gerechnet werden. Häufig, so ist unsere Erfahrung, wird man mit Lösungsmöglichkeiten überhäuft. Diese Lösungsmöglichkeiten gehen dann aber völlig an uns vorbei. Nicht, weil wir nicht möchten sondern weil sie keine Lösung darstellen. Das kann unser Gegenüber natürlich nicht wissen, wenn er/sie eigentlich gar keine Ahnung hat warum ich wirklich derzeit nicht arbeiten kann. Sie wollen helfen.

Wie wir nun auf dieses Thema kommen.

Durch unser Kind können wir nicht so zurückgezogen leben, wie wir es sonst wohl derzeit würden. Man geht zu Schulveranstaltungen, Elternabenden, Sportveranstaltungen, Training. Das ist sicherlich etwas gute, denn es ist ein Struktur die gehalten werden muss. Nicht nur für uns, vor allem für unser Kind aber natürlich profitieren wir auch davon. Auch, wenn vieles davon für uns ein wahnsinniger Kraftakt ist so hält es doch gleichzeitig im Leben.

Der Kraftakt ist, unser anders sein zu verdecken. Nicht aufzufallen, normal zu sein, normal zu scheinen, die Menschen auszuhalten, die Gespräche auszuhalten, dabei zu bleiben.

Wir sind also immer wieder mit anderen Eltern konfrontiert und wir mögen sie. Irgendwie gehören wir dazu, sie mögen uns bei sich haben, fragen uns immer wieder ob wir an verschiedenen Aktivitäten teilnehmen. Hin und wieder trauen wir uns, häufig jedoch finden wir Ausreden um nicht dabei sein zu müssen. Wir mögen sie. Es ist eine kleine Truppe von Müttern, wir unterhalten uns, haben Spaß zusammen, quatschen über dies und das und hin und wieder dann auch etwas persönlicher. Dann wird es schwierig für uns, persönliches ist schwierig.

In den letzten Monaten sind wir diesen Gesprächen ausgewichen, haben nur noch die wichtigsten Termine wahrgenommen, denn es war spürbar das wir nicht mehr ausweichen können.

Heute dann waren wir wieder bei einem dieser Termine. Hofften darauf dieser Gruppe von Eltern nicht über den Weg zu laufen, ausweichen zu können. Es war nicht möglich.

Eine Mutter, die wir sehr mögen und mit der wir uns schon viel unterhalten haben, war dann plötzlich dort und hat uns auch gesehen. Nachdem wir einmal kurz an ihr vorbei gehuscht sind war klar, dass wir zumindest kurz mit ihr sprechen mussten.

Bisher kennt sie uns nur als gut funktionierende, allein erziehende Mutter, die immer springt, wenn es kein anderer tut, die organisiert, plant, gut mit Kindern umgehen kann usw. Sie würde sicher jetzt noch etliche andere Dinge aufzählen die wir tun. Mehr als einmal hat sie uns ihren Respekt ausgesprochen für das was wir tun, wie wir sind, wie wir uns für unser Kind einsetzen usw.

Angenommen haben wir es nie, denn es war immer klar, dass sie eigentlich keine Ahnung hat davon wie es wirklich ist. Woher auch?

Und nun kam es wieder zu einem dieser Gespräche. Von einem Thema zum anderen landeten wir dann irgendwann wieder beim Thema Arbeit. Wir haben keine Lust Ausreden zu finden, keine Lust irgendeine Geschichte zu erzählen, keine Lust abzulenken. Es ist uns nicht egal und gleichzeitig doch. Viel zu anstrengend, dem sind wir heut nicht gewachsen gewesen.

Man entschied sich für die Wahrheit. Ich gehe nicht arbeiten, bin derzeit berentet. Mit einem versteckten Blick versucht man ihren Gesichtszügen innerhalb von Sekunden zu entnehmen was sie nun denkt. War es falsch das nun zu sagen? Verachtet sie uns nun vielleicht? Ist all das was sie bisher gelobt hat nun überhaupt noch erwähnenswert? War das nun unser letztes Gespräch mit ihr? Etliche Fragen dringen innerhalb weniger Sekunden an die Oberfläche, Ängste, Panik. Was haben wir nur getan? Warum haben wir das nur gesagt? Machen wir damit jetzt nicht alles kompliziert und hoffentlich wirkt sich das nun nicht auf unser Kind aus?!

Das Gegenteil war der Fall. Statt tausend Fragen zu stellen, erzählte sie von ihrer Nichte. Sie ist ebenfalls berentet seit ein paar Jahren, ebenfalls wegen psychischer Probleme, zerbrochen an einer Vergewaltigung. Aber nun ist sie glücklich, lebt mir ihrer Frau (ja sie ist verheiratet) zusammen und kommt gut zurecht.

Unserer Gesprächspartnerin ist all das also nicht fremd. Sie verurteilt weder homosexuelle Beziehungen, noch psychische Krankheit, noch Unfähigkeit.

Na dann können wir ja nun weiter auspacken, teilen ihr also mit das wir ebenfalls eine Beziehung mit einer Frau haben. Ein Problem weniger, sie wird nun sicher nicht mehr versuchen uns ständig den passenden Mann zu suchen 😉

Ihre Reaktion war nett. Sie erzählte uns von einer Gruppe Mädels in unserem Alter, die sich regelmäßig treffen um einfach Zeit miteinander zu verbringen, alle mit irgendwelchen psychischen Problemen, bunt gemischt. Fragte ob daran Interesse besteht und sagte, dass sie sich vorstellen könnte, dass wir gut mit ihrer Nichte zurecht kommen würden.

Es war ein angenehmes Gespräch, nicht verurteilend, nicht verachtend sondern sie sagte uns erneut, dass sie es toll findet was wir dennoch alles schaffen. Dieses Mal konnten wir es ein bisschen annehmen, denn nun weiß sie ein bisschen zu wem sie das sagt und ein bisschen von dem was wirklich ist.

Und irgendwie sind wir dankbar.

Wir stehen nicht dazu berentet zu sein, stehen nicht dazu arbeitsunfähig zu sein und stehen nicht dazu, nichts zu leisten. Wir schämen uns dafür, fühlen uns wertlos und schlecht. Früher war das anders, als wir noch gearbeitet haben und wir uns über unsere Arbeit definiert haben. Wir erwarten grundsätzlich Ablehnung und Verachtung von anderen Menschen und glauben immer wieder, dass nur unsere Leistung uns wertvoll macht und die Berechtigung erteilt auf Augenhöhe mit anderen zu sein.

Heute hat es sich gut angefühlt nicht lügen zu müssen und nicht nach Ausreden ringen zu müssen. Wir hätten nicht die Kraft dafür gehabt und gerade deshalb sind wir dankbar für die Reaktion. Es hat sich nichts verändert im Kontakt, außer das Gefühl vor ihr nicht mehr wegrennen zu müssen.