Ein lang durchdachtes, doch völlig ungeplantes Gespräch

Wir sind selbst noch völlig verwirrt. Erschrocken über uns selbst und gleichzeitig ein kleines bisschen erleichtert und überrascht.

Manchmal gibt es Tage, an denen recht intensive Gespräche mit unserem Sohn stattfinden.
Heute war wieder so ein Tag.

Angefangen hat es damit, dass unser Sohn wieder davon sprach, in den Sommerferien seine Oma besuchen zu wollen. Ich kann dabei bleiben und auf ihn aufpassen, dann hätte er auch keine Angst mehr vor ihr.

Wir sprechen da also wieder einmal von unserer Mutter.

Ein tiefes Durchatmen, dann der Wechsel.

Es wird mit ihm gesprochen, anders als sonst. Ein ehrliches und offenes Gespräch findet statt. Kein möglichst schnelles Themen wechseln, sondern eine Erklärung kommt über unsere Lippen.

Ich habe sie beobachtet, zugehört und unseren Sohn nicht aus dem Blick gelassen. Eigentlich hatten wir uns geeinigt noch nicht mit ihm zu sprechen, noch nicht. Dennoch, sie führte ein gutes Gespräch.

Zuerst sagte sie ihm, sie würde gern offen mit ihm reden und ob er das Gefühl hätte, es wäre gut.
Sie hat ihn gebeten ihr zu sagen, wenn ihn etwas überfordert oder er etwas nicht versteht. Erlaubte ihm, alles zu fragen, was er möchte und jederzeit mit ihr sprechen zu dürfen.

Sie erklärte ihm, dass es bei ihr auch so ist, dass sie Sehnsucht hat nach der Mutter, denn es ist eben noch immer die Mutter. Das es aber Dinge gibt die passiert sind und die vieles zerstört haben. Sie erklärte, dass es ihr nicht mehr möglich ist, mit der Mutter in einem Raum zu sein, sprach von Ängsten, Enttäuschungen und davon, dass die Mutter ihr nie Schutz geboten hat.

Sie erzählte ihm davon, dass es in der Kindheit Übergriffe auf sie gab (der Begriff sexueller Missbrauch sagt ihm bereits was) und das die Mutter sie nicht geschützt hat und sie allein damit war.

Unser Sohn hat viele Fragen gestellt, teilweise war ich sehr überrascht, wie weit der kleine Zwerg schon denkt und vor allem, was er schon alles versteht.
Und natürlich arbeitet es in ihm, denn es ist seine Mutter der das passierte und er weiß, solche Eingriffe in die Seele des Menschen, solche Übergriffe zerstören die Seele und reißen sie in Stücke.

Sie hat nichts davon erwähnt, wie schlimm es wirklich war und das es mehr als einen Mann gab und und und. Nein, sie hat einen Rahmen gefunden, der passte und darauf aufgebaut.

Plötzlich eine Frage, die uns für einen Moment erstarren ließ. Bei der wir hofften, sie würde auch jetzt eine gute und wahre Antwort geben können.

„Mama, jemand dem sowas passiert, dem reißt das die Seele in Stücke und macht den Menschen zu einem anderen. Damit mein ich, dem wird sein eigenes Selbst genommen und dann das reingemacht, was der andere will. Bist du deswegen manchmal so ein Kind oder so böse? Ich will dich nicht verletzen aber manchmal bist du anders und dann kurz danach wieder anders und manchmal sagst du was zu mir und dann weißt du es wieder nicht und dann später doch wieder. Manchmal muss ich dir alles öfter sagen, sonst vergisst du das wieder. Manchmal bist du total süß und lustig und dann wieder ganz anders plötzlich. Kommt das daher, haben die deine Seele so zerrissen und dich deshalb zu so vielen gemacht? Du bist wie mehrere in einem drin.“

Erstmal tief durchatmen… dieses Kind begreift soviel… zuviel…

Zum Glück, sie hatte eine Antwort.

Was mir gut gefiel war, dass sie ihm Bestätigung gab, seine Wahrnehmung nicht als falsch hinstellte. Sie sagte ihm, er könnte sich auf sein Gefühl verlassen, es wäre richtig.

Sie sprachen über Anteile die in jedem Menschen vorhanden sind, von einer etwas anderen Ausprägung, die es bei ihr hätte. Davon das die Anteile etwas getrennter sind als bei einem gesunden Menschen. Er stellte Fragen, war interessiert und beachtete sehr gut seine eigenen Grenzen.
Er bedankte sich für das offene Gespräch, war froh darüber das wir so offen miteinander umgehen können und verstand nun mehr, dass ein Kontakt zur Oma nicht mehr geht.

Er sagte das ich die beste Mama der Welt wäre, nein des ganzen Universums und das er nie eine andere hätte haben wollen. Er findet es toll wie seine Mama ist und das was manchmal nicht so gut läuft ist in Ordnung, denn er weiß ja warum.

Wir sind immer noch ganz baff von dem Gespräch. Seit Jahren diskutieren und grübeln wir, wie und was man mit unserem Sohn besprechen sollte. Was gut ist, was eher nicht. Wie geht man mit dem Viele sein ihm gegenüber um? Was bemerkt er und was nicht?

Therapeuten haben uns schon vor einigen Jahren dazu geraten offen mit ihm umzugehen, seine Wahrnehmung nicht kaputt zu machen, indem man ihm etwas vormacht. Denn das haben wir zum Teil auch getan, um ihn nicht zu belasten. Er sollte frei davon aufwachsen. Eine ganz normale Kindheit haben und sich keine Gedanken um seine Mutter machen.

Der ehrliche Weg, ist der gesündere. Das haben wir heute wieder deutlich gespürt. Das Gespräch hat unserem Sohn Sicherheit gegeben, es fühlte sich an, als wäre ein riesen Durcheinander langsam aufgelöst worden. Erleichterung auf beiden Seiten.

Wichtig war ihr und uns anderen auch, ihm damit keine Verantwortung uns gegenüber aufzuhalsen. Ihm ganz deutlich zu sagen, dass für uns genug Hilfe da ist und er sich keine Sorgen machen muss.

Und immer wieder sind wir erstaunt was dieser kleine, neun Jahre alte Zwerg, alles begreift.

Wir sind stolz auf sie, sie hat das so gut hinbekommen.

Das ein Gespräch zu diesen brisanten Themen mit unserem Sohn so gut laufen…

M. wir sind stolz auf dich und dankbar, dass du diese Aufgabe übernommen hast und unserem ewigen rumgeeier damit ein Ende gesetzt hast.

Advertisements

Nächtliche Gedanken

Ich bin traurig, sehr traurig und viele andere von uns ebenfalls. Einigen rinnen die Tränen wie Bäche aus den Augen, andere machen sich zu und zeigen kein Gefühl und dennoch spürt man hinter ihrer Mauer einen großen Schmerz, eine tiefe Traurigkeit, eine schreiende Verzweiflung, eine beißende Sehnsucht.

Es tut weh zu sehen und zu spüren, wie sehr wir uns gegenseitig im Weg stehen, wenn wir unterschiedlichen Vorstellungen nachjagen. Wie sehr der eine darunter leidet, dass ein anderer gerade nicht leiden muss.

Es gibt keine Systementscheidung, immer nur Einzel oder Kleingruppenentscheidungen.

So entstehen Verletzungen auf allen Seiten…
Das macht mich traurig.

Wer die Kontrolle hat beeinflusst unser aller Leben, nicht nur seinen kleinen Teilbereich.

Wer die Kontrolle hat entscheidet nicht immer gegen den Rest. Viele sind bemüht darum möglichst Wege zu gehen, Entscheidungen zu treffen oder Dinge zu sagen, die, ihrer Ansicht nach, Systemkonform sind. Das bedeutet häufig, nicht den Einzelwunsch zu beachten zu können, denn dann würde es zu keinen Entscheidungen kommen können. Einigkeit ist unmöglich.

Vorhin gab es ein Gespräch, ein sehr wichtiges mit einem sehr wichtigen Menschen. Es war weder geplant, noch abgesprochen, war okay aber dennoch nicht in Ordnung.

Denn es ist wieder nur eine Teilentscheidung. Eine die von manchen begrüßt wird, die anderen die Luft zum atmen nimmt und den Boden unter den Füßen entreißt, wieder anderen egal ist, manchen sämtlichen Lebensmut raubt. Und erneut bricht ein innerer Kampf aus…

Gerne würde ich alles wieder in Ordnung bringen, gesprochene Worte zurücknehmen, ihnen ihre Bedeutung rauben, Verletzungen ungeschehen machen.
Normalerweise würde ich genau jetzt alles versuchen um noch zu retten was zu retten ist.
Warum ich es heute nicht tue, vielleicht erst morgen, übermorgen oder auch gar nicht? Wer weiß, vielleicht mag ich nicht mehr, vielleicht fehlt mir die Energie, vielleicht steh ich diesmal auf der Seite derer, die das Gespräch führten, vielleicht gestehe ich mir auch nur ein, dass es Windmühlen sind gegen die ich ständig kämpfe, vielleicht bin ich zu mutlos. Vielleicht ist es auch nur die Erkenntnis, dass wir noch viel zu weit voneinander entfernt sind, als dass das wofür ich kämpfen wollen würde, irgendwann zu einem befriedigenden Ergebnis führt. Vielleicht nehme ich hin, das ich mein Ziel nicht erreichen kann.