Das war wohl nix, oder : die geschaffene Katastrophe

Gestern schon waren wir ziemlich durch den Wind und es potenziert sich. Morgen beziehungsweise jetzt bereits heute, also Samstag, hat unsere Oma Geburtstag. Wir wünschen uns so sehr bei ihr sein zu können, mit ihr Zeit zu verbringen, gemeinsam spazieren zu gehen, uns ein paar Lästereien über unsere Mutter oder unseren Onkel anzuhören und, wie früher, einfach nur neben ihr her schlendern, die Sonnenstrahlen gemeinsam in uns aufsaugen, dem rauschen vom Wind in den Blättern der Bäume lauschen und den Vögeln beim zwitschern zuhören. Oder ein gemeinsamer Spaziergang über den Strand der Ostsee, mit den nackten Füßen durchs Wasser laufen, den Wellen und Möwen zuhören, die Surfer auf dem Wasser beobachten.
Wie sehr wir uns diese Situationen zurück wünschen ist kaum zu beschreiben. Die wenigen glücklichen Momente unserer Kindheit erlebten wir mit ihr, wenn wir zusammen am Strand im Sand gesessen haben mit den Füßen im Wasser, wenn wir gemeinsam den Sonnenuntergang beobachteten und uns einfach an dem schönen Anblick erfreut haben, wenn wir bei Gewitter auf ihrem Schoß zusammengekauert hockten, während sie uns immer und immer wieder mit ruhiger Stimme erklärte, dass nichts schlimmes passiert und uns versuchte, die Schönheit des Gewitters zu vermitteln.
Uns fehlt das Gefühl das sie uns immer vermittelt hat. Dieses Gefühl etwas ganz besonderes und einmaliges zu sein.

Wie gern würden wir ihr sagen, wie sehr sie uns fehlt, wie leid es uns tut, wie alles auseinander gebrochen ist und noch viel mehr, dass wir uns so lange nicht gemeldet haben. Wir würden uns entschuldigen, weil wir sie allein gelassen haben und uns nicht mehr um sie gekümmert haben.

Wenn das alles nicht geht und das tut es leider nicht, dann möchten wir zumindest mit ihr telefonieren, ihr all das am Telefon sagen, falls sie überhaupt noch mit uns sprechen würde…

Ich befürchte, dass wir wegen dieser Sehnsucht, dem Wunsch, dass alles gut ist, heute zugelassen haben, dass unser Sohn unsere Mutter anrufen darf. Das Verbot konnte nicht aufrecht erhalten werden. Die Katastrophe kommt ins rollen.
Unser Glück, dass war wirklich einfach nur mega Glück, war besetzt auf ihrem Telefon und das auch bei seinem zweiten Versuch, eine halbe Stunde später.

Innerlich sind wir vollkommen durchgedreht in der Zwischenzeit, die totale Panik und größtes Durcheinander brachen aus.

Glücklicherweise hat genau dann eine Freundin angerufen, danach waren wir verabredet und mussten schnell los, somit konnte unser Sohn es nicht nochmal probieren.

Jetzt steigt die Angst vor morgen bzw. heute und obwohl das sonst eher seltener der Fall ist, wünschten wir, die Nacht würde nie zuende gehen.

Sollte er uns dann wieder fragen, wissen wir nicht wie wir es schaffen sollen, es zu untersagen. Wir wissen noch nicht einmal, wie wir es schaffen sollen, nicht selbst dort anzurufen. Selbst das fühlt sich ausweglos an.

Wir verzweifeln, denn es würde uns alles zerstören und trotz dieses Wissens fühlt es sich unmöglich an.

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Erfolgreiches Gespräch

Das Gespräch mit der Therapeutin des Sohnes lief gut. Wie geplant sind wir allein hingefahren, denn es war uns wichtig nun erstmal die Situation zu klären, bevor es „normal“ weiter läuft.

Man sprach über Vertrauen und die Enttäuschung die es nun gegeben hat. Darüber, warum man sich übergangen und hintergangen fühlt und warum man nicht versteht, was da gerade passiert. Welche Probleme daraus nun für uns und auch für die Therapie entstanden sind und wie man nun damit umgehen möchte.

Wir konnten uns ihre Meinung anhören und können vieles davon gut verstehen. Es sind Sorgen und eine gewisse Hilflosigkeit die dahinter stehen, Überforderung und Unwissen. Bei genauerer Betrachtung aber alles Dinge die sich ausräumen lassen, wenn man die Situation betrachtet wie sie ist und sich nicht in der Sorge und Hilflosigkeit verliert.

Was wir nicht verstehen konnten war ihre rigorose Haltung in der sie niemanden mehr anhören wollte, keinen anderen vielleicht abschwächenden Eindruck zulassen konnte und darüber konnten wir auch sprechen.

Sie hat sich selbst erlaubt nochmal zu hinterfragen. Anzuhören was wir zu sagen haben, Revue passieren zu lassen was sie im Gespräch mit unserer Therapeutin gehört hat und (dafür sind wir dankbar) äußerte ihre tatsächlich dahinter stehenden Ängste. Nämlich die, irgendwann festzustellen, dass es besser gewesen wäre zu handeln. Absolut nachvollziehbare und verständliche Gedanken. Wir konnten ihr auch nochmal klar machen, dass wir nicht wütend oder enttäuscht sind, weil sie sich darüber Gedanken macht, dass evtl. andere Unterstützung notwendig ist, sondern das es uns Probleme bereitet hat, wie sie das alles angegangen ist. Die Hilflosigkeit und das Ausgeliefert sein in das sie uns befördert hat und in der kein Anker mehr greifbar war, weil sämtliche Fäden aus unseren Händen gezogen wurden ohne die Möglichkeit sie festhalten und mitreden zu können.

Nein, wir sind nicht böse, wenn jemand unsere Situation hinterfragt, sind nicht sauer, wenn sich jemand Sorgen um unseren Sohn macht oder darum wie es hier zu Hause sein könnte. Dafür sind wir eher dankbar und genau das benötigen wir um eine gewisse Sicherheit haben zu können. Wir benötigen ein Umfeld das hinterfragt, die Augen offen hält, bereit ist Kritik zu äußern, bereit ist Missstände anzusprechen, bereit ist auch Dinge zu sagen, die uns vielleicht weh tun oder die wir lieber nicht sehen möchten, bereit ist uns zu widersprechen und vor allem auch im Notfall bereit ist gegen uns und für unseren Sohn zu handeln. Es ist wichtig, denn allein auf unsere Wahrnehmung können und möchten wir da nicht vertrauen.

Ergebnis des Gesprächs ist, dass es nun doch einen Termin geben wird, in dem sie sich mit unserer Partnerin und einer weiteren Vertrauten unterhalten wird und sich deren Sicht der Situation anzuhören. Bis dahin wird erstmal nichts weiter passieren. Versprochen hat sie, dass sie nichts unternehmen wird ohne das vorab nochmal mit uns besprochen zu haben. Das wofür sie diese Unterstützung gern hätte, kann und wird eine Familienhilfe nicht bieten, das wird ihr langsam bewusst. Sie zweifelt nicht an das wir ein super Verhältnis zu unserem Sohn haben, auch nicht das er weder vernachlässigt, noch geschlagen oder sonstiges wird. Nein, sie äußert sogar sehr deutlich, dass sie sieht, dass da alles okay ist und wir sehr bemüht sind, trotz unserer eigenen Probleme, eine gute und fürsorgliche Mutter zu sein. Das wir da nicht nur bemüht sind sondern es in weiten Teilen auch schaffen. Sicher, das ein oder andere ist nicht immer perfekt aber damit müssen wir leben, denn auch wir wachsen an unseren Aufgaben als Mutter und wissen nicht immer unbedingt was richtig oder falsch ist, wie alles funktioniert. Aber wir kämpfen uns durch und bemühen uns immer und zu jeder Zeit unser bestmögliches zu tun. Das hat unser Sohn einfach auch verdient, denn er ist einfach toll (ja gut, okay, er hat auch seine Macken) aber nee, er soll anders aufwachsen dürfen, als wir es durften. Er soll Kind sein dürfen und aus eigenen Erfahrungen lernen dürfen, entdecken dürfen, wachsen dürfen…

Vermisst

Autsch! Da sappt man nichts suchend und nichts ahnend durchs abendliche Fernsehprogramm, braucht irgendwas was einigermaßen erträglich ist und ablenkt, bisschen Geräuschkulisse von außen tut ganz gut, hält in der Realität, bestätigt in der eigenen Wohnung zu sein, heute.

Bei „Vermisst“ sind wir dann hängen geblieben. Eine Frau mit einer nicht so schönen Kindheit, vom Stiefvater im Suff, er war Alkoholiker, geschlagen worden, die Mutter wohl auch nicht so super, hab es allerdings nicht ganz mitbekommen, in verschiedenen Heimen aufgewachsen.
Ihr größter Wunsch zu ihrem 50 Geburtstag, sie möchte ihren Vater kennenlernen, hat ihn noch nie gesehen, kennt nur den Namen und hat sich als Kind immer wenn es zu schlimm wurde gewünscht, ihr Vater würde kommen und sie einfach mitnehmen. Egal wohin, hauptsache nach Hause, wo auch immer dieses Zuhause dann wäre.

Wie gut wir diesen Wunsch kennen! Wir sind ohne unseren Vater aufgewachsen, durften auch nichts zu ihm fragen und nur sehr selten rutschte der Oma mal etwas zu ihm aus dem Mund. Meist unterbrach sie sich selbst dann schnell wieder und bei nachfragen gab es immer die selbe Antwort. Er hat unserer Mutter sehr weh getan, sie hätte ihn so geliebt und er hat sich einfach eine neue Familie aufgebaut. Wenn wir ihr nicht noch mehr wehtun wollen, sprechen wir am besten gar nicht mehr über ihn.

Wir haben uns so oft nichts anderes gewünscht, als das er uns rettet. Das er kommt und uns befreit! An diese Gedanken haben wir uns förmlich geklammert, sie hielten uns am Leben. Immer wieder der Traum ihn irgendwann zu treffen, von ihm geliebt zu werden, beschützt zu werden, zu ihn zu gehören, nicht mehr alleine sein.

Bei „Vermisst“ hat die Frau ihren Vater getroffen, er hat geweint, sich entschuldigt, gesagt das er sich 50 Jahre lang gewünscht hat sie zu treffen, dass er nicht sterben wollte bevor er sie nicht gesehen hat.

Das ist eine schöne Reaktion. Sie macht die 50 Jahre nicht wieder gut aber sie ist ein Anfang von einem zueinander finden.

So etwas hätten wir uns sehr gewünscht, würden es wohl auch heut noch gern hören. Bekommen haben wir es leider nicht. Wir haben ihn getroffen, Kontakt gibt es nicht.

Es tut weh und er fehlt uns noch immer unglaublich doll. Wir wünschen uns noch immer, das er irgendwann anruft und uns treffen möchte oder eine Email von ihm  in unserem Account aufpingt. Meinetwegen darf er auch einfach vor der Tür stehen, er dürfte jederzeit rein.
Aber das wird wahrscheinlich nicht passieren. Wir sollten diesen Traum ziehen lassen, sind erwachsen und nicht mehr auf seine Rettung angewiesen.
Dennoch sehnen wir uns nach ihm, hätten ihn gern an unserer Seite. Wenigstens einen kleinen Teil Familie, einen winzig kleinen. Unsere Ansprüche sind nicht groß, mit ganz wenig Familie würden wir uns zufrieden geben.
Erbärmlich immer noch darauf zu warten. Wirklich erbärmlich!