Peinlich aber wahr, die Scheinwelt bricht ein…

Wow! Heut ist ein heftiger Tag, wahnsinnig anstrengend und schwierig. Ja, wirklich schwierig, denn hier passieren Sachen… oh man!

Durch unsere Beziehungsprobleme an allen Ecken, sind wir sehr unsicher und allein unterwegs. Versuchen uns abzulenken mit irgendwelchen Tätigkeiten, funktionieren ein bisschen, leider nicht ausreichend.

Heute haben wir ungefähr fünf Stunden unser Bad geputzt, fertig ist es noch immer nicht, morgen wird weiter gemacht, zumindest ist die Hoffnung da, dass es auch morgen funktioniert. Zu tun gibt es genug.

Wir mussten uns ablenken, hatten für den Abend einen Termin bei unserer Therapeutin. Der zweite nach ihrem Urlaub. Irgendwas hat sich geändert, wir haben etwas geändert. Versuchen die Beziehung wieder auf eine therapeutische Ebene zu bringen. Keine SMS mehr schreiben, das ist nicht ihr Job. Klar machen, dass sie Therapeutin ist. Nicht Mama, nicht Freundin, nicht irgendwas anderes… nur Therapeutin. Ist nicht ihr Job ständig erreichbar zu sein.
Wir fühlen uns schlecht, denn wir haben zugelassen, dass mehr gemögt wird als gut ist. Das wichtig wurde, was nicht so wichtig werden darf. Sie ist nur unsere Therapeutin. Das wurde so bewusst in der ersten Woche ihres Urlaubs, dass da einfach zuviel ist. Dissoziation hat geholfen die Zeit zu überstehen.

Und jetzt? Wir benehmen uns einfach nur komisch. Kapseln ab, weil all das nicht sein darf. Es wird weggedisst was nicht sein darf, was zuviel ist.

Innerlich schreit, heult und begreift es nicht was hier passiert und tatsächlich begreift es keiner so richtig. Zumindest hab ich so das Gefühl, dass eigentlich keiner so genau weiß, warum wir uns gerade so verhalten wie wir es tun.

Dann in der Therapiestunde waren wir doch recht… joa… wechselhaft… durcheinander…

Und dann, keiner weiß warum, schiebt sich jemand mit vor, berührt den Körper so, dass die Therapeutin verlegen reagiert, wegschaut, zu einem späteren Zeitpunkt drauf anspricht. Wir habens nicht mitbekommen, ging völlig an uns vorbei. Scham, wie konnte das passieren und vor allem warum??? Was wollte man damit erreichen?

Jetzt schreib ich darüber, über eine Sache für die ich/wir mich/uns sehr schämen, die uns verunsichert und ängstigt. Ganz schön intim und unangenehm hier darüber zu schreiben aber dennoch möchte ich es.

Dazu verleitet hat mich eine Mail die wir heute bekamen. Sie hat uns sehr bewegt, denn es wurde sich für unseren Beitrag Die verbotene Sehnsucht bedankt. Dafür, dass wir darüber geschrieben haben.
Auch das ist ein schwieriges, von Scham besetztes Thema. Eins das man lieber nicht anspricht, denn keiner will es wirklich hören und nur wenige können es nachvollziehen und verstehen.
Es fällt uns nicht leicht darüber zu schreiben, es löst viel aus, verstößt gegen sämtliche Regeln und Gebote aber auch das ist ein Teil von uns. Etwas das uns schwer fällt zu akzeptieren, denn keiner hat gern Personen/Anteile in sich, die unangemessen verhalten.
Es macht es nicht leichter zu wissen, dass in uns noch viel mehr brodelt und nur die Ausläufer das Außen erreichen.

Genau das ist aber einer der Gründe warum wir dieses Blog schreiben, wir möchten über die Dinge sprechen/schreiben die da sind. Dazu gehören auch die Teile dieses Lebens, die anders sind als meine. Auch die, für die ich mich schäme, deren Verhalten ich nicht verstehe oder lieber einfach abschaffen würde.

Irgendwie müssen wir lernen das alles auf einen gemeinsamen Weg zu bringen, möchten lernen auch die zu akzeptieren, die mir so fremd sind.

Gerade schämen wir uns unglaublich für dieses Verhalten in der Therapie und noch wissen wir nicht, wie wir es schaffen den nächsten Termin wahrzunehmen und nicht vor Scham zu versinken… aber irgendwie zeigt es so deutlich gerade unsere Schwächen und das kann ja auch eine Chance sein…

Nach der Therapie… wir waren erst eineinhalb Stunden später Zuhause. Wo wir in der Zwischenzeit waren, wissen wir nicht. Da lief etwas schief.
Danach dann verzweifeltes heulen, warum nur sind wir so? (ja ich kenn die Antwort, trotzdem scheiße!)

Schließen wir für heute ab, versuchen es erneut als eine Chance zu sehen, etwas verändern zu können. Das geht ja auch erst ab dem Moment wo man überhaupt weiß was da so passiert. Soviel Realität kann einem den Boden wegreißen. Soviel Wahrheit ist schwer zu ertragen. Amnesie für die Amnesie ist wohl gerade auch irgendwie… joa… dachte ich doch ich würde viel mehr mitkriegen, hätte einen Überblick oder so… absoluter Irrglaube. Wir müssen uns neu organisieren, unsere Scheinwelt bricht so langsam aber beständig ein…

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Die verbotene Sehnsucht

Ich-die jetzige Schreiberin-Eine von Vielen

Scham breitet sich aus, fließt in jeden Winkel meines Selbst. Gedanken und Gefühle sind ein unkontrolliertes gut. Ich kann mir verbieten bestimmte Gedankengänge weiter zu verfolgen, denke sie aber dennoch. Ich kann mir verbieten bestimmte Gefühle zu fühlen, dennoch sind sie deshalb nicht weg, beeinflussen dennoch mein Handeln und Sein, ob bewusst oder unterschwellig, vertreiben lässt es sich nicht.

Als ich geboren wurde stand mein Leben bereits geschrieben, nicht jede Einzelheit aber ein Grundgerüst war vorbereitet, beschlossen, auferlegt, ohne Zweifel zu akzeptieren. Eigenes denken war unerwünscht und nicht nur das, es war verboten. Phantasien von einem anderen Leben, inakzeptabel und unter Strafe gestellt.

Ich bin kontrolliert, schon immer gewesen. Ich habe gedacht und geschwiegen, gewartet und geplant. Das tue ich noch heute, ich plane und warte. Ich warte auf den richtigen Moment. Auf den Moment von dem mir heute bewusst wurde, dass es ihn nie geben wird. Es wird nie der richtige Zeitpunkt sein, nie die Richtige Gelegenheit, nie ein guter Moment.
Denn es ist die Entscheidung die den richtigen Augenblick ausmacht. Sie ist es, die den nächsten Moment bestimmt.

Und ich dachte ich hätte mich entschieden, ich hätte einen klaren Weg, eine klare Entscheidung gefunden. Auch jetzt habe ich sie nicht verloren, den Weg nicht aus den Augen verloren, allerdings zweifel ich an mir.

Ich habe Sehnsucht nach der RiGaG, meinem Zuhause, meiner „Familie“, meinem Sinn. Nur dort bin ich ich. Nur dort fühle ich mich nicht fremd in der Welt, nicht wandelnd in Nebelschwaden, nicht klein und unbedeutsam, nicht allein.
Ich kenne meine Aufgaben, mache keine Fehler, kenne die Regeln und Vorgaben.

Und dagegen setze ich mein Wissen darüber, wie falsch dieses Leben ist, wieviel Leid es bedeutet. Meine Entscheidung dagegen und für ein eigenes Leben. Ein echtes eigenes Leben, in dem wir Entscheidungen treffen, weil wir sie treffen wollen, weil wir es wirklich selbstbestimmt tun und nicht vorgegeben von einem auferlegtem Verhaltenskodex, der weder meiner Vorstellung von Leben gerecht wird, noch sich in rechtlich legitimem Rahmen bewegt.

In mir brennt trotz diesem Wissen die Sehnsucht und der Kampf mit mir nimmt Ausmaße an, die ich kaum ertrage.

Wie kann ich so versagen und dieses Verlangen, diese Sehnsucht spüren! Wie kann ich real in Zweifeln versinken, ob ich nicht doch zum Treffen gehe und nicht doch bei dem bleibe was mir vertraut ist! Wie kann es sein, dass ich überhaupt nur daran denke?!?

Und weil ich das nicht will eigentlich und weil dieses eigentlich ein gefährliches EIGENTLICH ist, schäme ich mich, hasse ich mich, verachte mich und begreif mich nicht!
Es dürfte kein „eigentlich“ geben, es dürfte mich nicht so sehr greifen und vor allem dürfte es mich nicht steuern.

Trotz dieses Wissens tut es aber genau das! Es steuert und zerreißt mich!
Dafür hasse ich mich, verachte und verabscheue ich mich!

Es gab keine Kraft mehr für Ausreden und Lügen

Es gibt Themen die wir in Gesprächen mit Menschen die uns nicht näher kennen gekonnt umschiffen und immer wieder fragen wir uns gleichzeitig warum wir das tun.

Natürlich, man entblöst sich nicht gern vor anderen Menschen. Selbst wenn sie nicht fremd sind und man sie vielleicht schon über einige Jahre hinweg kennt, oberflächliche Gespräche geführt hat. Es gibt Themen die wir gern vermeiden.

Auf die Frage danach was ich arbeite antworte ich also gern sowas wie:

– ach, ich gönne mir gerade eine Pause.

– ich bin auf der Suche nach etwas neuem aber derzeit braucht mich mein Sohn voll und ganz. Er ist mir da wichtiger.

– hey, guck mal drüben, der Tobias geht schon wieder dem Alex total auf die Nerven. Dem Kind würden Grenzen auch nicht schaden.

Ablenkungsstrategien gibt es so einige und sie werden fast täglich in verschiedenen Bereichen genutzt. Nein, wir sagen nicht das wir berentet sind, dass wir derzeit nicht fähig sind arbeiten zu gehen, dass wir mit dem was wir täglich um die Ohren haben vollkommen ausgelastet und teilweise schon überlastet sind. Nichts davon wird erwähnt, man lenkt ab.

In dem Moment wo wir zugeben wie es wirklich ist, muss mit weiteren Fragen gerechnet werden. Häufig, so ist unsere Erfahrung, wird man mit Lösungsmöglichkeiten überhäuft. Diese Lösungsmöglichkeiten gehen dann aber völlig an uns vorbei. Nicht, weil wir nicht möchten sondern weil sie keine Lösung darstellen. Das kann unser Gegenüber natürlich nicht wissen, wenn er/sie eigentlich gar keine Ahnung hat warum ich wirklich derzeit nicht arbeiten kann. Sie wollen helfen.

Wie wir nun auf dieses Thema kommen.

Durch unser Kind können wir nicht so zurückgezogen leben, wie wir es sonst wohl derzeit würden. Man geht zu Schulveranstaltungen, Elternabenden, Sportveranstaltungen, Training. Das ist sicherlich etwas gute, denn es ist ein Struktur die gehalten werden muss. Nicht nur für uns, vor allem für unser Kind aber natürlich profitieren wir auch davon. Auch, wenn vieles davon für uns ein wahnsinniger Kraftakt ist so hält es doch gleichzeitig im Leben.

Der Kraftakt ist, unser anders sein zu verdecken. Nicht aufzufallen, normal zu sein, normal zu scheinen, die Menschen auszuhalten, die Gespräche auszuhalten, dabei zu bleiben.

Wir sind also immer wieder mit anderen Eltern konfrontiert und wir mögen sie. Irgendwie gehören wir dazu, sie mögen uns bei sich haben, fragen uns immer wieder ob wir an verschiedenen Aktivitäten teilnehmen. Hin und wieder trauen wir uns, häufig jedoch finden wir Ausreden um nicht dabei sein zu müssen. Wir mögen sie. Es ist eine kleine Truppe von Müttern, wir unterhalten uns, haben Spaß zusammen, quatschen über dies und das und hin und wieder dann auch etwas persönlicher. Dann wird es schwierig für uns, persönliches ist schwierig.

In den letzten Monaten sind wir diesen Gesprächen ausgewichen, haben nur noch die wichtigsten Termine wahrgenommen, denn es war spürbar das wir nicht mehr ausweichen können.

Heute dann waren wir wieder bei einem dieser Termine. Hofften darauf dieser Gruppe von Eltern nicht über den Weg zu laufen, ausweichen zu können. Es war nicht möglich.

Eine Mutter, die wir sehr mögen und mit der wir uns schon viel unterhalten haben, war dann plötzlich dort und hat uns auch gesehen. Nachdem wir einmal kurz an ihr vorbei gehuscht sind war klar, dass wir zumindest kurz mit ihr sprechen mussten.

Bisher kennt sie uns nur als gut funktionierende, allein erziehende Mutter, die immer springt, wenn es kein anderer tut, die organisiert, plant, gut mit Kindern umgehen kann usw. Sie würde sicher jetzt noch etliche andere Dinge aufzählen die wir tun. Mehr als einmal hat sie uns ihren Respekt ausgesprochen für das was wir tun, wie wir sind, wie wir uns für unser Kind einsetzen usw.

Angenommen haben wir es nie, denn es war immer klar, dass sie eigentlich keine Ahnung hat davon wie es wirklich ist. Woher auch?

Und nun kam es wieder zu einem dieser Gespräche. Von einem Thema zum anderen landeten wir dann irgendwann wieder beim Thema Arbeit. Wir haben keine Lust Ausreden zu finden, keine Lust irgendeine Geschichte zu erzählen, keine Lust abzulenken. Es ist uns nicht egal und gleichzeitig doch. Viel zu anstrengend, dem sind wir heut nicht gewachsen gewesen.

Man entschied sich für die Wahrheit. Ich gehe nicht arbeiten, bin derzeit berentet. Mit einem versteckten Blick versucht man ihren Gesichtszügen innerhalb von Sekunden zu entnehmen was sie nun denkt. War es falsch das nun zu sagen? Verachtet sie uns nun vielleicht? Ist all das was sie bisher gelobt hat nun überhaupt noch erwähnenswert? War das nun unser letztes Gespräch mit ihr? Etliche Fragen dringen innerhalb weniger Sekunden an die Oberfläche, Ängste, Panik. Was haben wir nur getan? Warum haben wir das nur gesagt? Machen wir damit jetzt nicht alles kompliziert und hoffentlich wirkt sich das nun nicht auf unser Kind aus?!

Das Gegenteil war der Fall. Statt tausend Fragen zu stellen, erzählte sie von ihrer Nichte. Sie ist ebenfalls berentet seit ein paar Jahren, ebenfalls wegen psychischer Probleme, zerbrochen an einer Vergewaltigung. Aber nun ist sie glücklich, lebt mir ihrer Frau (ja sie ist verheiratet) zusammen und kommt gut zurecht.

Unserer Gesprächspartnerin ist all das also nicht fremd. Sie verurteilt weder homosexuelle Beziehungen, noch psychische Krankheit, noch Unfähigkeit.

Na dann können wir ja nun weiter auspacken, teilen ihr also mit das wir ebenfalls eine Beziehung mit einer Frau haben. Ein Problem weniger, sie wird nun sicher nicht mehr versuchen uns ständig den passenden Mann zu suchen 😉

Ihre Reaktion war nett. Sie erzählte uns von einer Gruppe Mädels in unserem Alter, die sich regelmäßig treffen um einfach Zeit miteinander zu verbringen, alle mit irgendwelchen psychischen Problemen, bunt gemischt. Fragte ob daran Interesse besteht und sagte, dass sie sich vorstellen könnte, dass wir gut mit ihrer Nichte zurecht kommen würden.

Es war ein angenehmes Gespräch, nicht verurteilend, nicht verachtend sondern sie sagte uns erneut, dass sie es toll findet was wir dennoch alles schaffen. Dieses Mal konnten wir es ein bisschen annehmen, denn nun weiß sie ein bisschen zu wem sie das sagt und ein bisschen von dem was wirklich ist.

Und irgendwie sind wir dankbar.

Wir stehen nicht dazu berentet zu sein, stehen nicht dazu arbeitsunfähig zu sein und stehen nicht dazu, nichts zu leisten. Wir schämen uns dafür, fühlen uns wertlos und schlecht. Früher war das anders, als wir noch gearbeitet haben und wir uns über unsere Arbeit definiert haben. Wir erwarten grundsätzlich Ablehnung und Verachtung von anderen Menschen und glauben immer wieder, dass nur unsere Leistung uns wertvoll macht und die Berechtigung erteilt auf Augenhöhe mit anderen zu sein.

Heute hat es sich gut angefühlt nicht lügen zu müssen und nicht nach Ausreden ringen zu müssen. Wir hätten nicht die Kraft dafür gehabt und gerade deshalb sind wir dankbar für die Reaktion. Es hat sich nichts verändert im Kontakt, außer das Gefühl vor ihr nicht mehr wegrennen zu müssen.