Einfach nur fliegen…

Ich kann fliegen! Eine Überzeugung die schon seit der Kindheit aufrecht erhalten bleibt.

Heute wissen wir, das nennt man Dissoziation. Loslösen, dahin schweben, den Boden nicht mehr spüren. Darin hab ich mich gefunden, ich mochte diese Momente. Sie waren still, auch wenn sie es real nicht waren, für mich waren sie nicht nur das, sie waren Frieden.

Meine kleine Freiheit, meine Welt in die ich verschwinden konnte, wenn ich es für nötig hielt, wenn ich atmen und mich einen kleinen Moment in mir selbst sicher fühlen wollte, unabhängig von äußeren Umständen.

Äußere Umstände die unaushaltbar, unveränderbar auf einen nieder regnen. Die ein stetiges Auffüllen des inneren Seins mit der Saat des Bösen darstellen. Ein verändern des inneren Kerns, ein schleifen der Persönlichkeiten.
Solange bis nur noch ein geformter Rest übrig bleibt. Alles so wie es sein muss, so wie es sich gehört.

Diese Verformung hat mir meinen Frieden genommen. Meinen Ort der Ruhe und des Seins verwandelten sie in einen Ort der Angst.

Sie sitzen überall, starren mit ihren eiskalten Augen auf ihre Opfer nieder, verfrachten sie in Käfige, bewachen die Gedanken und jedes Wort ist ein durch Gitter gerufener, unverständlicher Hilferuf. Der nicht nach außen dringen kann, nicht in Worten die verstanden werden, nicht in Handlungen die begreiflich machen.

Ein leises Bitten, nur ein sanftes Raunen ist zu hören, wenn wir dürften… dann würden wir…

dem Raunen nachgeben…

der Ruhe ihren Raum zurückgeben.
Wir würden aufhören auszuhalten, würden für immer entfliehen…

Sehnsuchtsvolles Raunen…
… doch eigentlich möchten wir nur ein Leben… außerhalb der Parallelwelten…

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Ungeliebt

Sie sitzt still dort, während ihr die Tränen lautlos über die Wangen rinnen.

Ungeliebt, ungeliebtes Dreckstück, dumme kleine Schlampe, undankbares Blag, hast nichts anderes verdient, dummes Stück!

Sie hat ihrer Omi nicht zum Geburtstag gratuliert, keiner hat es getan. Wirklich keiner hat ihr gute Wünsche zukommen lassen.

Den ganzen Tag hat sie sich bemüht sich abzulenken, dabei wäre sie schon am Morgen am liebsten im Bett liegen geblieben und dort einfach gestorben. Das darf man ja aber nicht, das Leben muss weiter gelebt werden, ob sie will oder nicht. Die Umstände erfordern es, einzelne des Systems hängen tatsächlich an dem was sie als ihr Leben bezeichnen. Bei ihr ist es nicht so, sie hat nichts was sie hält, außer das Missgeschick in einem Körper festzuhängen, der ihr schon längst nicht mehr passt, der ihr entwachsen ist. 

Bei diesen Gedanken rinnen die Tränen noch mehr. Niemand will sie, niemand liebt sie und die Einzige die sie jemals geliebt hat darf es nicht mehr. Nein, sie darf ihr nicht mehr nah sein, nicht mehr mit ihr sprechen, nicht mehr bei ihr sein und nicht einmal mehr zum Geburtstag da sein. Nicht einmal das hat man ihr gelassen!

Jeder erwartet von ihr erwachsenes Benehmen, erwachsenes Verständnis, erwachsenes, einfach nur erwachsenes.
Sie soll Erzählungen glauben, die ihren eigenen Erfahrungen widersprechen, soll geliebte Menschen ziehen lassen, nur weil, ja warum eigentlich? SIE hat doch nie etwas getan! Sie ist ihre geliebte Oma, der einzige Mensch, der sie je geliebt hat.

Sie fühlt sich miserabel und ihr Wunsch zu sterben nimmt sie immer mehr ein, legt seinen dunklen, schwarzen Mantel sanft über ihre Schultern. Die Schwere lässt selbst ihre Atmung zu einer fast unbezwingbaren Aufgabe anwachsen.

Wie konnte sie nur zulassen, dass sie sich so hat einwickeln lassen, dass sie sich nicht gemeldet hat, dass sie die vorbereitete Mail noch immer nicht geschickt hat?! Wie konnte sie zulassen, dass die Oma sie nicht mehr lieben, sondern langsam hassen wird?! Wie konnte sie zulassen, dass die Oma sie nicht mehr für etwas besonderes hält?!

Nicht nur das sie ihre Omi enttäuscht und bestraft, obwohl sie es nicht verdient hat, nein sie hat noch jemand wichtigem Zeit gestohlen, sich aufgedrängt, wütend gemacht und von wichtigeren Dingen abgehalten.

Sie hat es nicht besser verdient, denkt sie sich. Nicht sie, die dumme kleine Schlampe, das Dreckstück, das undankbare Blag. Ungeliebt, ungeliebt, ungeliebt.