Der funktionierende Untergang

Der Umzug ist geschafft, die neue Wohnung bezogen und die Kartons ausgepackt. Wir versuchen alles richtig zu machen und zu funktionieren. Wir versuchen uns einzureden, alles wäre gut. Das muss sein, denn sonst bleibt das Funktionieren auf der Strecke. Also funktionieren… funktionieren… funktionieren

Was hinter dem nach außen funktionierenden System passiert ist nicht sichtbar, für Außenmenschen nicht wichtig. Das Funktionieren sagt doch, alles sei gut…?! Den Preis kennt keiner, er ist nicht sichtbar, findet nur im verborgenen statt.

Es ist ein schmaler Grad zwischen funktionieren und zusammenbrechen. Etwa drei Jahre hatten wir Zeit uns innerlich auf diese Situation vorzubereiten. Alles ist darauf eingestellt alltagstauglich zu bleiben. Der Fokus ist rein darauf ausgerichtet weiter vorwärts zu kommen, Struktur aufzubauen und zu halten, Stabilität auszustrahlen und möglichst das Positive im Vordergrund zu halten und den blockierenden, schwierigen Bereichen nicht soviel Macht zu geben.

Seit einer Woche leben wir nun in der neuen Wohnung, unserem Sohn geht es sehr gut, er ist angekommen, zufrieden und ausgeglichen.
Wir sind erleichtert darüber, zumindest macht es für den Augenblick den Anschein, dass wir für ihn die richtige Entscheidung getroffen haben. Wir sind erleichtert, denn es zeigt sich, dass wir nicht falsch darin lagen unserem Sohn zu vertrauen und an seine Stärke und seinen Verstand zu glauben. Es zeigt sich, dass wir von Anfang an die Situation richtig eingeschätzt haben und das es sich gelohnt hat für ihn zu kämpfen. Nicht einfach den Aussagen und Einschätzungen der Lehrer und irgendwelcher Gutachter Glauben zu schenken, die sich weder intensiv genug mit ihm beschäftigt haben, noch beachtet haben, wo die tatsächlichen Probleme liegen, sondern einfach den für sich selbst angenehmsten Weg gewählt haben. Sie stellten fest, dass unser Sohn nicht ins System passt, nicht einfach funktioniert wie es das System fordert und versuchten ihn abzuschieben. Förderbedarf und Förderschule waren ihre Lösung. Für uns eine inakzeptable Lösung, die niemandem geholfen hätte. Förderung klingt nicht falsch aber sie hätte ausgerichtet sein müssen darauf, dass er ständig unterfordert war, darauf ihm mehr zu bieten, als sich über Monate hinweg mit denselben Aufgaben beschäftigen zu müssen. Es wäre hilfreich gewesen, hätte man ihm doch einfach einmal wirklich zugehört und sich die Zeit genommen ihn zu verstehen, dann hätte es schon längst eine gute Lösung geben können, denn er selbst hat immer wieder betont was schief läuft und was anders sein müsste. Soviel Verstand hat man ihm aber wohl nicht zugetraut. Es fehlte nicht ihm an Weitsicht, sodern den lieben Pädagogen, die nicht glauben wollten, dass er reif genug ist, um zu wissen was er sagt und was das bedeutet. Es ist traurig, wieviele Kinder aus reiner Überforderung von irgendwelchen Pädagogen (nee keine Sorge, ich behaupte nicht, alles Pädagogen wären unfähig oder überfordert)  in Schubladen landen, aus denen sie dann kaum noch eine Möglichkeit haben herauszukommen.
Umso erleichterter sind wir zu sehen, dass sich jeder einzelne Tag des Kampfes und davon gab es verdammt viele, gelohnt hat und unsere Einschätzung nicht Ursprung von Wunschvorstellungen ist.

Nun sind wir bei einem Thema angekommen, dass uns arg zu schaffen macht. Die dauernde Bestätigung eigentlich nur dann aushaltbar, okay oder liebenswert zu sein, wenn man funktioniert. Gelingt es einem nicht ist man Belastung.
Die Feststellung lässt uns allein zurück, lässt uns innerlich aufschreien, verzweifeln und resignieren. Sie lässt bei einigen den Drang zurück, sich selbst/uns zu verletzen bei anderen den Wunsch alles beenden zu dürfen. Einfach weil man weiß, man wird nie ein normales Leben führen, in dem nicht jede Handlung und Aufgabe enorme Kraft kosten wird. Man wird nie die „normalen“ Erwartungen dauerhaft erfüllen können. Man möchte nicht nur dann okay sein, wenn man es mal schafft sein Leben einigermaßen normal zu führen, erst recht nicht, wenn dieses Funktionieren nicht von uns kommt weil es geht, sondern weil es eine auferlegte Pflicht ist, um möglichst alles normal scheinen zu lassen, um niemandem unangenehm zur Last zu fallen, um nicht aufzufallen.
Immer wieder zeigt sich, dass eigentlich nur eins zählt. Unsere Anpassungsfähigkeit und Funktionalität. Damit sind wir gut, vielleicht liebenswert… vielleicht…
Ohne sind wir nichts!

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Ein Kommentar (+deinen hinzufügen?)

  1. dieSommers
    Apr 04, 2014 @ 10:44:01

    Beim Lesen dachte ich gerade: das Halten des Alltages und die Verantwortung, die ihr für euch und euren Sohn übernehmt ist anstrengend, wichtig, vielleicht funktional…weil es sein muss. Aber ihr macht das nicht für Andere*, sondern für euch. Es ist euer Leben und ich finde es schön, dass die Entscheidung, Planung und letztlich der Umzug recht gut verlief und ein Einleben möglich ist (für euch und dem Sohn). Das ist super und ich freue mich für euch. Gleichzeitig ist (mir zumindest) klar, dass das Schaffen all der Anforderungen und Anstrengungen nicht bedeutet, dass es euch auf einmal toll geht udn es nichts Belastendes mehr gibt oder geben darf. Das ist ja eine Illusion. Für mich klang die Befürchtung aus euren Worten, dass ihr als Funktionsmensch gesehen werdet (und euch vielleicht auch selbst so seht). Aber: NEIN. Ihr habt einen großen Schritt bewältigt. Dafür dürft ihr euch beglückwünschen! Und wenn ihr euch Zeit zum Eingewöhnen gegeben habt, dann können sicher auch andere Themen wieder mehr in den Vordergrund rücken. Aber macht euch nciht allzu viel Druck. Vielleicht kann es hilfreich sein, nach Innen zu richten, dass Themen, die da sind nicht missachtet oder vernachlässigt werden, sondern angegangen werden, sobald wieder mehr Kraft dafür da ist.
    Ich wünsche euch dafür wirklich alles Gute. Ihr seid gut so, wie ihr seid!
    Viele Grüße

    Antwort

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