Es gab keine Kraft mehr für Ausreden und Lügen

Es gibt Themen die wir in Gesprächen mit Menschen die uns nicht näher kennen gekonnt umschiffen und immer wieder fragen wir uns gleichzeitig warum wir das tun.

Natürlich, man entblöst sich nicht gern vor anderen Menschen. Selbst wenn sie nicht fremd sind und man sie vielleicht schon über einige Jahre hinweg kennt, oberflächliche Gespräche geführt hat. Es gibt Themen die wir gern vermeiden.

Auf die Frage danach was ich arbeite antworte ich also gern sowas wie:

– ach, ich gönne mir gerade eine Pause.

– ich bin auf der Suche nach etwas neuem aber derzeit braucht mich mein Sohn voll und ganz. Er ist mir da wichtiger.

– hey, guck mal drüben, der Tobias geht schon wieder dem Alex total auf die Nerven. Dem Kind würden Grenzen auch nicht schaden.

Ablenkungsstrategien gibt es so einige und sie werden fast täglich in verschiedenen Bereichen genutzt. Nein, wir sagen nicht das wir berentet sind, dass wir derzeit nicht fähig sind arbeiten zu gehen, dass wir mit dem was wir täglich um die Ohren haben vollkommen ausgelastet und teilweise schon überlastet sind. Nichts davon wird erwähnt, man lenkt ab.

In dem Moment wo wir zugeben wie es wirklich ist, muss mit weiteren Fragen gerechnet werden. Häufig, so ist unsere Erfahrung, wird man mit Lösungsmöglichkeiten überhäuft. Diese Lösungsmöglichkeiten gehen dann aber völlig an uns vorbei. Nicht, weil wir nicht möchten sondern weil sie keine Lösung darstellen. Das kann unser Gegenüber natürlich nicht wissen, wenn er/sie eigentlich gar keine Ahnung hat warum ich wirklich derzeit nicht arbeiten kann. Sie wollen helfen.

Wie wir nun auf dieses Thema kommen.

Durch unser Kind können wir nicht so zurückgezogen leben, wie wir es sonst wohl derzeit würden. Man geht zu Schulveranstaltungen, Elternabenden, Sportveranstaltungen, Training. Das ist sicherlich etwas gute, denn es ist ein Struktur die gehalten werden muss. Nicht nur für uns, vor allem für unser Kind aber natürlich profitieren wir auch davon. Auch, wenn vieles davon für uns ein wahnsinniger Kraftakt ist so hält es doch gleichzeitig im Leben.

Der Kraftakt ist, unser anders sein zu verdecken. Nicht aufzufallen, normal zu sein, normal zu scheinen, die Menschen auszuhalten, die Gespräche auszuhalten, dabei zu bleiben.

Wir sind also immer wieder mit anderen Eltern konfrontiert und wir mögen sie. Irgendwie gehören wir dazu, sie mögen uns bei sich haben, fragen uns immer wieder ob wir an verschiedenen Aktivitäten teilnehmen. Hin und wieder trauen wir uns, häufig jedoch finden wir Ausreden um nicht dabei sein zu müssen. Wir mögen sie. Es ist eine kleine Truppe von Müttern, wir unterhalten uns, haben Spaß zusammen, quatschen über dies und das und hin und wieder dann auch etwas persönlicher. Dann wird es schwierig für uns, persönliches ist schwierig.

In den letzten Monaten sind wir diesen Gesprächen ausgewichen, haben nur noch die wichtigsten Termine wahrgenommen, denn es war spürbar das wir nicht mehr ausweichen können.

Heute dann waren wir wieder bei einem dieser Termine. Hofften darauf dieser Gruppe von Eltern nicht über den Weg zu laufen, ausweichen zu können. Es war nicht möglich.

Eine Mutter, die wir sehr mögen und mit der wir uns schon viel unterhalten haben, war dann plötzlich dort und hat uns auch gesehen. Nachdem wir einmal kurz an ihr vorbei gehuscht sind war klar, dass wir zumindest kurz mit ihr sprechen mussten.

Bisher kennt sie uns nur als gut funktionierende, allein erziehende Mutter, die immer springt, wenn es kein anderer tut, die organisiert, plant, gut mit Kindern umgehen kann usw. Sie würde sicher jetzt noch etliche andere Dinge aufzählen die wir tun. Mehr als einmal hat sie uns ihren Respekt ausgesprochen für das was wir tun, wie wir sind, wie wir uns für unser Kind einsetzen usw.

Angenommen haben wir es nie, denn es war immer klar, dass sie eigentlich keine Ahnung hat davon wie es wirklich ist. Woher auch?

Und nun kam es wieder zu einem dieser Gespräche. Von einem Thema zum anderen landeten wir dann irgendwann wieder beim Thema Arbeit. Wir haben keine Lust Ausreden zu finden, keine Lust irgendeine Geschichte zu erzählen, keine Lust abzulenken. Es ist uns nicht egal und gleichzeitig doch. Viel zu anstrengend, dem sind wir heut nicht gewachsen gewesen.

Man entschied sich für die Wahrheit. Ich gehe nicht arbeiten, bin derzeit berentet. Mit einem versteckten Blick versucht man ihren Gesichtszügen innerhalb von Sekunden zu entnehmen was sie nun denkt. War es falsch das nun zu sagen? Verachtet sie uns nun vielleicht? Ist all das was sie bisher gelobt hat nun überhaupt noch erwähnenswert? War das nun unser letztes Gespräch mit ihr? Etliche Fragen dringen innerhalb weniger Sekunden an die Oberfläche, Ängste, Panik. Was haben wir nur getan? Warum haben wir das nur gesagt? Machen wir damit jetzt nicht alles kompliziert und hoffentlich wirkt sich das nun nicht auf unser Kind aus?!

Das Gegenteil war der Fall. Statt tausend Fragen zu stellen, erzählte sie von ihrer Nichte. Sie ist ebenfalls berentet seit ein paar Jahren, ebenfalls wegen psychischer Probleme, zerbrochen an einer Vergewaltigung. Aber nun ist sie glücklich, lebt mir ihrer Frau (ja sie ist verheiratet) zusammen und kommt gut zurecht.

Unserer Gesprächspartnerin ist all das also nicht fremd. Sie verurteilt weder homosexuelle Beziehungen, noch psychische Krankheit, noch Unfähigkeit.

Na dann können wir ja nun weiter auspacken, teilen ihr also mit das wir ebenfalls eine Beziehung mit einer Frau haben. Ein Problem weniger, sie wird nun sicher nicht mehr versuchen uns ständig den passenden Mann zu suchen 😉

Ihre Reaktion war nett. Sie erzählte uns von einer Gruppe Mädels in unserem Alter, die sich regelmäßig treffen um einfach Zeit miteinander zu verbringen, alle mit irgendwelchen psychischen Problemen, bunt gemischt. Fragte ob daran Interesse besteht und sagte, dass sie sich vorstellen könnte, dass wir gut mit ihrer Nichte zurecht kommen würden.

Es war ein angenehmes Gespräch, nicht verurteilend, nicht verachtend sondern sie sagte uns erneut, dass sie es toll findet was wir dennoch alles schaffen. Dieses Mal konnten wir es ein bisschen annehmen, denn nun weiß sie ein bisschen zu wem sie das sagt und ein bisschen von dem was wirklich ist.

Und irgendwie sind wir dankbar.

Wir stehen nicht dazu berentet zu sein, stehen nicht dazu arbeitsunfähig zu sein und stehen nicht dazu, nichts zu leisten. Wir schämen uns dafür, fühlen uns wertlos und schlecht. Früher war das anders, als wir noch gearbeitet haben und wir uns über unsere Arbeit definiert haben. Wir erwarten grundsätzlich Ablehnung und Verachtung von anderen Menschen und glauben immer wieder, dass nur unsere Leistung uns wertvoll macht und die Berechtigung erteilt auf Augenhöhe mit anderen zu sein.

Heute hat es sich gut angefühlt nicht lügen zu müssen und nicht nach Ausreden ringen zu müssen. Wir hätten nicht die Kraft dafür gehabt und gerade deshalb sind wir dankbar für die Reaktion. Es hat sich nichts verändert im Kontakt, außer das Gefühl vor ihr nicht mehr wegrennen zu müssen.

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11 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. stjaernljus
    Mrz 12, 2013 @ 00:15:14

    Haben uns gefreut zu lesen das solch eine nette Reaktion kam !

    Antwort

  2. jerryfaber
    Mrz 12, 2013 @ 06:10:08

    🙂

    Antwort

  3. seelenlabyrinth
    Mrz 12, 2013 @ 09:17:35

    Manchmal wird Mut belohnt… 🙂

    Antwort

  4. diepaulines
    Mrz 12, 2013 @ 10:19:44

    es stimmt nicht, dass ihr nichts leistet! die arbeit, die ihr als multiple mutter jeden tag packen müsst, liegt meiner meinung nach weit über dem umfang einer vollzeitstelle. leute, die euch nicht kennen und nichts von euch wissen, ahnen das sicher nicht uns sehen „nur“ die äußere gegebenheit der „berentung“. aber zumindest ihr selbst habt die möglichkeit, euch für eure lebens-leistung anzuerkennen! 🙂

    Antwort

    • Mosaiksteinchen
      Mrz 12, 2013 @ 11:01:36

      Grundsätzlich habt ihr sicher recht. Es fällt uns sehr schwer das als eine tatsächliche Leistung zu sehen. Wieviele Mütter gehen zusätzlich arbeiten und kriegen das ohne Probleme hin. Das wir andere Voraussetzungen haben und hatten blenden wir dabei gern aus. Ist wirklich schwer das anzuerkennen. Das muss noch gelernt werden 😉

      Antwort

  5. pandorasshowcase
    Mrz 12, 2013 @ 10:59:08

    …und es ist schön Verständnis an Orten zu finden, die man gar nicht auf dem Plan hatte. 🙂

    Das freut uns sehr.

    Antwort

  6. mariesophie
    Mrz 12, 2013 @ 11:38:24

    Ich freu mich auch für dein gutes Erlebnis! Diese Scham kenne ich seit 6 Jahren Rente auch. Am Schlimmsten ist der Gedanke, in einer Gruppe nicht mitreden zu können, weil ich eben nichts beisteuern kann zu Gesprächen über die Arbeit. Darum vermeide ich noch heute solche Begegnungen. So gehe ich auch nicht mehr zu Klassentreffen, was natürlich schade ist…aber was soll ich da sagen? Dass ich nichts mehr beisteuern kann? LG

    Antwort

    • Mosaiksteinchen
      Mrz 12, 2013 @ 12:11:51

      Es ist schade das wir uns so vieles nehmen lassen aus der Angst vor Ablehnung, des Angst davor was andere über einen denken, dem Gefühl der Wertlosigkeit und der Angst vor persönlichen Fragen, die sich, wenn man häufiger miteinander zu tun hat nicht vermeiden lassen.
      Wir lernen langsam unserem Bauchgefühl zu vertrauen. Das ist überhaupt nicht leicht, denn unsere Wahrnehmung wurde uns immer abgesprochen und als falsch dargestellt, so dass wir uns nie darauf verlassen durften.
      Eigentlich ist es aber so, dass wir eigentlich immer richtig liegen und Personen gut einschätzen können. Meist wissen wir schon nach den ersten Begegnungen ob das passt oder nicht.
      Häufig haben wir uns nicht darauf verlassen und auch heute fällt es uns sehr schwer, wenn wir bei jemandem ein schlechtes Gefühl haben, darauf zu vertrauen. Und häufig schaffen wir es dann auch nicht nach unserem Gefühl zu handeln, sondern machen genau das Gegenteil. Wenn wir uns aber vertrauen und dem Gefühl vertrauen machen wir gute und positive Erfahrungen.
      Entschuldige, bin mir nicht sicher ob ich verständlich und so geschrieben hab. Heut ist ein sehr schräger Tag und wir stehen völlig neben uns.

      Antwort

  7. pandorasshowcase
    Mrz 12, 2013 @ 12:47:48

    Da fällt mir gerade auch nur das ausgelutschte: „Oh, das kenn ich nur allzu gut!“ ein. (Entschuldigung dafür) Das ist hier auch ein sehr großes Thema im Moment (oder schön länger, wenn mans mal genau nimmt)…

    Antwort

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